Senegal und Gambia 2006/2007

Reisebericht zur Fahrradtour Tour Senegal und Gambia 2006/2007

Diesmal eine längere Anreise, da es keine preisgünstigen Air France Tickets mehr gab. So flogen wir ab Frankfurt bzw. München mit der TAP nach Lissabon und dort weiter nach Dakar. Glücklicherweise gibt es einen durchgehenden ICE von Berlin zum Flughafen Frankfurt und das große Gepäckabteil in Wagen 24 nimmt auch ein Fahrrad auf. Allerdings nur, wenn es „klein“ gepackt ist. Bei mir hieß das: Lenker quer, Pedalen ab, Sattel tief, Vorderrad raus und alles kompakt in eine Abdeckfolie verschnürt. Direkt beim Fernbahnhof am Flughafen gibt es zwei Check-In Schalter, so daß man das Gepäck nicht bis zur großen Halle transportieren muss. Ein Aufpreis fürs Rad wurde nicht verlangt, obwohl es von den Bestimmungen her möglich gewesen wäre.
Nach der Ankunft in Senegal lernen wir ein Bildungsprojekt (Erwachsenenalphabetisierung und Bibliothek mit Schülerbetreuung) kennen. Frau Nafissatou Seck, eine resolute alte Dame, gründete vor einigen Jahren die Organisation ASAFODEB. Sie erklärt was es bedeutet, wenn Frauen, die früher nie zur Schule gegangen sind, jetzt noch Lesen, Rechnen und Schreiben in den einheimischen Sprachen lernen. Das gemeinsame Mittagessen zusammen mit den Projektmitarbeiterinnen und die anschließenden Gespräche waren eine gute Einstimmung in die Situation des Landes.

  

Nach dem Ruhetag zum Ankommen sollte es gleich nach dem Frühstück losgehen. Aber einer hatte seine Uhr noch nicht umgestellt und dann merkte jemand, dass am Vorderrad ein Ventil fehlte. Aber ne halbe Stunde später waren wir unterwegs und alles lief easy. Wie gewohnt waren wir früh in Sindia und mittags bei der Frauengruppe von Popenguine, die mit Baobab Aufforstungsprogrammen bekannt wurden und heute erfolgreich eine Herberge unterhält. Auf der Post bat man uns am Nachmittag wiederzukommen, damit man Zeit habe, die gewünschten Briefmarken zu besorgen; so viele gäbe es gerade nicht. Bei der Ausfahrt aus Thiès sahen wir drei Dromedare durch die Landschaft stapfen und Blätter von den Bäumen zupfen, zwischendurch ein Eichhörnchen-ähnliches Tier, einen Waran und viele bunte Vögel.
Mit der Pause bei Sindia begannen auch die ersten Versuche Wolof zu sprechen. Ich ging mit den Teilnehmern in den kleinen Laden, sagte die Begrüßungssätze, die sie brav wiederholten, anschließend den Satz „ich möchte einen Joghurt“ usw. Der Ladeninhaber freute sich und spielte gerne mit indem er langsam sprach und seinen Satz wiederholte. So kamen dann Joghurt, Cola und Wasser zusammen und draußen vor der Tür noch ein paar Erdnüsse dazu.
Auch die wichtige Übung, nicht mit dem passenden Kleingeld zu bezahlen, sondern mit einem Schein der nächst höheren Stufe, um somit an Kleingeld zu kommen, wurde hier praktiziert. Denn Kleingeld ist rar und wenn man am Straßenrand ein Minitütchen Erdnüsse für 0,75 Eurocent kauft oder mal für 10 Cent telefoniert, dann muss man passend zahlen können.
Mittags waren wir am Strand von Popenguine, bezogen die Gästehütten bei der Frauengruppe, sprangen ins Wasser und hatten dank telefonischer Vorbestellung eine halbe Stunde später ein wunderbares Mittagessen mit großen Thunfischstücken und einer riesigen Schüssel von schmackhaft gewürztem Reis auf dem Tisch.
Den Nachmittag verbrachten wir am Strand, wo wir schließlich in einem netten Café landeten, später bei Bier und Erdnüssen den Sonnenuntergang über dem Meer beobachteten. Eine junge Peulh Frau mit drei Kindern lagerte in unserer Nähe und wartete darauf, uns ein paar Erdnüsse verkaufen zu dürfen. Soweit ich es mitbekam war das Päckchen das wir kauften auch das einzige das sie los wurde. Aissatou erzählte dabei, dass sie noch zwei weitere Kinder zu versorgen habe …
Am nächsten Tag waren wir gegen 1000 Uhr am Tierpark von Bandia. Auf 1.200 ha Fläche leben hier Giraffen, Elenantilopen, Gazellen, Warzenschweine, Strauße, unzählige Affen und ein Nashornpäarchen. Die Rundfahrt im Safarijeep dauert fast zwei Stunden und führt durch dicht bewachsenes Gelände. Ständig mussten wir die Köpfe einziehen um dornigen Akazienzweigen aus dem Weg zu gehen. Eine brenzlige Situation gab es, als die Führer endlich die beiden Rhinos entdeckten und aus mehreren Autos die Besucher auf die Tiere zuliefen. Dabei geriet eine Person zwischen das männliche und das weibliche Tier, was die beiden Viecher etwas aggressiv werden ließ. Zügiger geordneter Rückzug zu den Autos stand an, während die Führer versuchten, die Tiere von dem Mann wegzutreiben, der sich immer tiefer ins Akaziengestrüpp verkroch. Das Manöver gelang, doch der Mann hatte offensichtlich einige Kratzer abbekommen.
Mittags sind wir in einem französischen Partnerschaftszentrum. Sie betreiben an drei Tagen die Woche eine Schulklasse für 15 Kinder, unterhalten eine kleine veterinärmedizinische Apotheke für die Viehhalter der Umgebung und haben Pläne, die lokale Milch zu Joghurt und Käse zu verarbeiten. Bei derzeit nur 10 Liter Milch pro Tag dürfte es wohl noch etwas Potential geben. Früher gab es auch einen Gesundheitsposten, der inzwischen zu einem Büro für ’solidarischen Tourismus‘ umgewandelt wurde. Fünf Rundhütten warten seit einigen Jahren auf Besucher – direkt am Straßenrand und weit weg vom Ort. Ob das attraktiv ist? Wir haben jedenfalls ein schönes Zimmer, können duschen, bekommen ein vorzügliches Mittagessen inkl. Teezeremonie und machen uns am Nachmittag noch mal auf zum Strand.

  

Am Abend ein Spaziergang mit Assan, dem Verantwortlichen für die Unterkunft. Assan erklärt anschaulich die sozialen Veränderungen, die sich bei den Viehaltern der Umgebung vollziehen, wenn die Peulh den traditionellen Wohnstil aufgeben und neue rechteckige Zementhäuser errichten. Einige wenige große Viehhalter können so viele Tiere verkaufen, dass sie zu Geld kommen. Am Straßenrand sind wir bei einer Peulh Familie, die in einem kleinen Laden frische Dickmilch verkauft. Fatoumata Kâ, eine bildhübsche Frau, lässt uns probieren. Es schmeckt lecker und wir kaufen einen Becher voll, der uns in einen Frischhaltebeutel abgefüllt wird. Der Rückweg zur Unterkunft führt an einer Tankstelle vorbei. Wir bewundern den gut sortierten Laden mit deutscher Schokolade, französischem Rotwein und anderen tollen Sachen.
Am Abend dürfen wir uns noch das Video des gestrigen Tages anschauen. Zum 5-jährigen Todestag des ersten senegalesischen Staatspräsidenten wurde hier mit viel Zeremonie ein kleines Denkmal eingeweiht. Der Sinn dieses Monumentes, im Hof eines vollständig von Mauern umgebenen Geländes und daher von außen nicht einsehbar, erschließt sich mir nicht so ganz.
Weiter geht es 12 km Hauptstraße mit relativ dichtem Verkehr, dem Gewusel durch die Stadt M’Bour und dann wird es ruhiger. „Die Mangobäume von Warang“, eine großzügige und liebevoll gestaltete Anlage mit Swimmingpool, vielen Blumen, Bäumen … so dass man richtig abtauchen und das staubige Leben der Straße hinter sich lassen kann. Wer will kann auch windgeschützt und mit Moskitonetz abgedeckt auf dem Dach der Rundhütten übernachten.
Wie bisher führt auch die nächste Etappe auf bestens ausgebauter asphaltierter Straße. Heute gibt es für lange Zeit keine Autos weit und breit, dann auch lange Strecken ohne Siedlungen, nichts als Akazienbäumchen rechts und links. Schon am frühen Vormittag sind wir in Joal, lassen uns im Leopold Sedar Senghor Museum das Leben des ersten senegalesischen Staatspräsidenten und die politische Entwicklung von der Kolonialzeit bis heute erklären. Eine gute Geschichtsstunde!
Nachmittags Besuch auf der Muschelinsel. Wir verzichten auf die sich aufdrängenden Führer und laufen selbst von der katholischen Kirche zur Moschee, schauen Kindern beim Fußballspielen zu und begeben uns natürlich auch über den Holzsteg zur christlich/ islamischen Friedhofsinsel. Gemütliches Abendessen direkt am Wasser bei Rama, die als alleinstehende Mutter mit fünf Kindern für einen weißen Besitzer eine Unterkunft + Restaurant managt.
Es folgt die erste Tour auf nichtaspahltierter Piste – ab ins Gelände. Auf fester roter Erde führt der Weg erst durch Mangroven, durch Weidegebiet und später durch den märchenhaften Palmenwald von Samba Dia. In Ndangane beziehen wir Zimmer im Campement bei einem Künstler, der je nach Interessensgebiet der Besucher auch verschiedene Kurse anbietet. Die Anlage soll auch mal so was wie ein Kulturzentrum des Ortes werden, mit Literatur- und Filmabenden. Nachmittags besuchen wir den Friedhof von Djilor, wo ein Teil der Senghor Familie begraben ist. Senghor hatte in Djilor seine Kindheit bis zum Alter von 7 Jahren verbracht. Ada, die junge Frau, die uns den Weg zeigte, verpflichtete mich anschließend, im Dorfladen den anwesenden Kindern je ein Bonbon zu kaufen. Knapp 10 Knirpse zogen hinter uns her, als wir die Räder den Sandweg hinauf schoben. Die Zahl der Kinder verdoppelte und verdreifachte sich schnell und beim Laden angekommen wogte eine unübersehbare Meute um uns herum. Oh je, was hatte ich nur angerichtet? Anstatt den Kindern gleich eine Münze zu geben, damit sie sich selbst was kaufen, stand ich nun vor einer unlösbaren Aufgabe. Ich kaufte eine ganze Tüte voll mit orangenen Lollies und gab sie einer zufällig anwesenden Frau. Nun hatte sie die schweißtreibende Aufgabe der Verteilung. Hinterher kamen die ganz kleinen auf uns zu, damit wir ihnen helfen, das Bonbon aus dem Papier zu wickeln.
Auf dem Rückweg ein kurzer Stopp bei der Biobauerngruppe von Yungar, die hier ihr Ausbildungszentrum haben und überall in den Dörfern Seminare und Kurse zu ökologischer Landwirtschaft, Gemüseanbau, Aufforstung oder Heilkräutern durchführen.
Als nächstes fahren wir fast 50 km auf grobem Asphalt, stark von Muscheln durchmischt und mit vielen Schlaglöchern übersät. Nach einer längeren Mittagspause in einer Kneipe wo heute an Weihnachten viel Bier und Rotwein konsumiert wird, radeln wir noch 25 km durch eine karge unwirtliche Mondlandschaft. Da der Senegal sehr flach ist, kann das Meerwasser bis zu 200 km ins Landesinnere eindringen. Dieses Gebiet hier ist häufig von salzhaltigen Wasser überschwemmt, so dass es nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden kann. In manchen Vertiefungen glitzern weiß wie Schnee die Salzkristalle.

  

Die Fähre legt bald nach unserer Ankunft eine Sonderfahrt ein, so dass wir schon eine Stunde früher als geplant unsere Unterkunft am Strand des Saloum Flusses erreichen. Mit einem kühlen Bier sitzen wir bei 2 Booten und blicken aufs Wasser.
Einen Pausentag nutzen wir für einen Ausflug mit dem Pferdekarren. Gemütlich geht es in drei Dörfer und zu den Wasserlöchern in Flussnähe, aus denen die Frauen Salz gewinnen. Am nächsten Tag mal wieder ein gutes Stück nichtasphaltierter Piste. Dafür kommen wir aber wieder sehr ursprünglich durch einige schöne Dörfer. Zur Mittagspause ruhen wir uns bei einem Hotel mit Swimmingpool aus. Kurz vor dem Ziel dann die erste Panne, ein Speichenbruch. Die Reparatur mit Hilfe der Mechaniker im Ort dauerte lange, denn der erste hatte keine Ahnung und kriegte den Zahnkranz nicht ab. Erst der zweite Handwerker hatte einen ordentlichen Schraubstock sowie die nötige Ruhe und Fingerspitzengefühl. Spät am Abend Besuch eine Ringkampf Wettbewerbes.
Inzwischen ist auch Tourenleiterin Stefanie aus Kafountine zu uns gestossen. Mit einer Piroge fahren wir nach Sipo, einem kleinen Ort auf einer Insel, die zum Meeresschutzgebiet erklärt wurde. Es wird überwacht, dass im Meeresarm vor der Insel nicht mehr gefischt wird. Schon zahlreiche verschwundene Fischarten sind zurückgekommen. Unterkunft in liebevoll gestalteten Ökohütten mit Solarlicht, Toilette und Dusche. Tagsüber Baden, Ausruhen oder mit einem Kajak die Kanäle entlang und Affen in den Mangroven beobachten. Sehr idyllisch; kein Auto, kein Motorengeräusch, keine Souvenirhändler, keine Kinder, keine Moskitos (!), gutes Essen und gute Betten.
Wir fahren weiter nach Süden. Hinter der Gambia Grenze wird die Straße deutlich schlechter: grober Muschelasphalt mit zahlreichen Schlaglöchern. Wie gewohnt machen wir eine Pause bei den Essensverkäuferinnen die vor dem Krankenhaus sitzen, Obst, Sandwiches und lokale Fruchtsäfte verkaufen. Mit der Fähre über den Gambia Fluß und im Camp von Sukuta erreichen wir das Ziel dieser Radtour. Die nächsten Tage verbringen wir mit Ausruhen am Strand, Baden, Fruchtsäfte genießen, sich eine Massage geben lassen und Ausflügen in die Umgebung. In mehreren Etappen geht es per Buschtaxi zurück zum Ausgangspunkt der Tour. In Ruhe erleben wir noch mal die Kleinstadt Thiès bevor wir uns für einen Tag in das Gewusel der Hauptstadt Dakar stürzen.
Eigentlich war es schade, die Tour in Banjul zu beenden. Der Norden ist touristisch sehr gut ausgebaut aber der südlich von Gambia gelegene Senegal ist ursprünglicher, ruhiger, gemütlicher, grüner. Und von dort aus kann man inzwischen wieder mit einem Schiff nach Dakar zurück.