Fahrradtour durch Gambia und Senegal in den tropischen Süden

Fahrradtour durch Gambia und Senegal mit Afrika Erleben
5. – 20. November 2008
Gernot Sürig

0. Tag, Anreisetag – 5.11.08
Ich hatte mich im letzten Moment noch für ein Leihfahrrad umentschieden. Das sollte sich dann als die einzig vernünftige Entscheidung erweisen. Überhaupt hat es im Vorfeld noch einigen Trouble gegeben: Die Fluggesellschaft Spanair (nie wieder !!) hat kurz zuvor die Flugzeiten geändert, so dass ich einen Tag eher anreisen musste.
Der Zug nach Frankfurt fährt erst um 14 Uhr. Trotzdem werde ich erst auf den letzten Drücker fertig und kriege den Zug nur mit Ach und Krach und Gepäcklauf. Ein schwarzes Mädchen im Zug möchte nach Kassel. Ich könnte mich gut mit ihr unterhalten (auf englisch) und mich so schon gewissermaßen auf Afrika einstimmen, aber irgendwie habe ich schlechte Laune und gehe zu meinem reservierten Platz ganz am Ende des Zuges. Er befindet sich direkt vor dem Fahrradabteil, in dem mein Rad nun doch nicht steht. Ganz Deutschland (so weit ich es durchfahre) ist grau und nebelig, aber relativ mild.

 

Im Check-In-Bereich auf dem Flughafen spreche ich zwei Männer an, die mir irgendwie passend aussehen – und richtig: es sind die beiden Tschechen Petr und Pavel aus meiner Reisegruppe. Ankunft in Madrid-Barrajas um halb zwölf Uhr nachts. Zu viert – ein weiterer Tourteilnehmer, Thomas aus Berlin, hat sich ebenfalls eingefunden – nehmen wir ein Hotel mit Hilfe der Hotelvermittlung auf dem Flughafen (110 € DZ – der „nullte“ Tag der Reise ist der teuerste).
Ich teile mir ein Zimmer mit Thomas. Es sieht aus wie eine kleine Wohnung, mit einer großen Küche, einem Wohnzimmer und einem Schlaf­zimmer. Was für ein Aufwand! Ich gehe mit Thomas noch in eine Bar um die Ecke. Ein älterer Mann gesellt sich zu uns (ein Typ, mit dem ich nur im Urlaub längere Gespräche anfange). Ich führe eine mühsame Konversation auf Spanisch und bin stolz, dass ich das kann. In seinem Drink-beflügelten Mitteilungsbedürfnis scheint der Mann kaum zu bemerken, dass ich nur wenig verstehe. Er war einmal in Deutschland, in München und Ravensburg und auch in Wien und hält offenbar große Stücke auf die Deutschen und ganz besonders auch auf die deutsche Küche. Er kommt aus einem kleinen Dorf bei Valencia. Morgen will er weiter in die Dominikanische Republik fliegen. Nach Afrika würde er niemals gehen, betont er. Gegen 2 Uhr gehen wir zurück ins Hotel. Nach zwei Bieren schlafe ich bestens.

1. Tag, Anreisetag – 6.11.08
Morgens bin ich bestens ausgeruht – die Investition in das Hotel hat sich gelohnt. Langer Flug, erst über Spanien, dann entlang der Küste und schließlich über die Wüste, die rot und gelb recht interessant aussieht. Wie befürchtet, ist die Verpflegung bei Spanair schlecht: Es gibt Weißbrot mit Scheiblettenkäse. Endlich fliegen wir über Gambia. Es gibt ein paar Berge, viele Wasserläufe, gewundene Flussarme und schließlich einen breiten Strom, sicherlich der Gambia-Fluss. Das Land ist jetzt grün.
Bei der Ankunft lerne ich weitere Tourteilnehmer kennen – Barbara und Reinhard. Wir müssen jedoch feststellen, dass überhaupt kein Fahrrad mitgekommen ist. Das hat Spanair versaubeutelt! Vier Leute hatten ihre eigenen Fahrräder mitgenommen. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Joe und Claudia holen uns ab und bringen uns in den Ort Sukuta. Sie sind Deutsche und Betreiber des „Sukuta Camping“, wo wir heute Nacht bleiben. Dort lernen wir Stefanie, unsere Reiseführerin, kennen. Das Sukuta Camping ist eine Anlage mit Häusern, Bäumen, Stellplätzen für Camping­wagen und einer Mauer drumherum. Ich wohne mit Thomas im schönsten Haus, einer kleinen Rundhütte, die jedoch schlecht beleuchtet ist. Am Abend warten wir auf die letzte Teilnehmerin. Sie heißt Petra und kommt mit Brussels Airlines – und hat ihr Fahrrad dabei!
Stefanie, unsere Reiseleiterin, ist bildende Künstlerin. Sie hat lange Zeit in Berlin gelebt, hatte dann eine Art zweiten Wohnsitz in Kafountine im südlichen Senegal, wo wir auch noch hinkommen werden, und lebt nun ganz dort und hat alle Zelte in der alten Heimat abgebrochen und ihre Berliner Wohnung aufgelöst.
Banjul ist die Hauptstadt des Landes, aber Serekunda ist die größte und wirtschaftlich wichtigste Stadt. (Zufällig klingt „Serekunda“ für tschechische Ohren ausgemacht unanständig). Unser Ort Sukuta liegt etwas südlich von Serekunda in der Nähe der Küste.
Fisch und Reis zum Abendessen, frühes Schlafengehen.

2. Tag, Sukuta, Gambia 7.11.08
Geruhsames Aufstehen. Irgendwann nach dem Frühstück machen wir einen Spaziergang im Ort. Hauptstraße, eine Moschee, die noch nicht ganz fertig ist, Gemüsemarkt mit engem Gewühl. Bald folgt uns natürlich ein Haufen Kinder. Sie rufen „Toubab!“, was „Weißer“ bedeutet und was wir in der Folgezeit noch oft zu hören bekommen. (Im Süden, in der Casamance, heißt es statt „Toubab“ „Lulum“.) Kaffetrinken in einer engen Hütte. Immer wieder grüßen Leute, manche stellen Fragen. Schließlich komme ich mit einem jungen Kerl ins Gespräch. Er ist groß, schlank, hat einen dünnen Fusselbart am Kinn und heißt Yuba. Er folgt mir dann den ganzen Rest des Weges bis zu unserer Unterkunft, fragt nach Spenden „für die Kinder“, nach meiner Adresse, E-Mail-Adresse etc. und wird richtig lästig. Wie ich mich geniere, dass ich durch naive Freundlichkeit auf so einen herein­gefallen bin! Jedenfalls werde ich durch diese erste Peinlichkeit der Reise daran erinnert, dass ich mich in einem fremden Land mit anderen Sitten und Umständen befinde, und dass eine gewisse Wachsamkeit beim Umgang mit den Einheimischen angebracht ist.
Mittags Siesta in der Hotelanlage, ich verbringe die Zeit u.a. mit Lesen. Stefanie und einige aus der Gruppe besorgen Leihfahrräder. Mein Leihfahrrad ist schon da, ich hatte es ja schon in Deutschland bestellt. Es ist ein silbergraues Rad mit Aluminiumrahmen und moderner Kettenschaltung, das sich gut bewähren sollte. So um 4 Uhr gehen wir zum Strand. Fröhliches Plantschen in den Atlantikwellen – die erste Aktion in diesem Urlaub, die mir richtig Spaß macht! Einige Typen am Strand – Modellathleten mit Waschbrettbäuchen – zeigen gelenkige Künste und gehen ins Wasser. Neben solchen Typen, die sich auffällig produzieren, gibt es aber auch viele Männer, die einfach nur zu trainieren scheinen oder recht geschickt Fußball spielen. Abendessen auf einer Restaurant-Terrasse über dem Strand, ich habe Shrimps mit Tomatensoße.

3. Tag, Tanji Village Museum und Boboi 8.11.08
Heute geht es los mit dem Fahrradfahren. Ich stehe früh auf, wasche mich, packe einige Sachen zusammen und mache mein Fahrrad startklar, alles ausgemacht morgenmuffelig, da noch vor dem Frühstück. Wir warten noch auf die Leute aus unserer Gruppe, die Leihfahrräder geholt haben.
Abfahrt um 10 Uhr. Entlang der Autostraße geht es recht gut. Immer wieder hören wir „Toubab…! Hello!!“ Stopp und Mittagessen beim „Tanji Village Museum“. Ein Mann führt uns ein Balafon vor, das ist eine Art Xylophon. Der Chef des Museums ist ein gut aussehender Mann mit einem klugen, angenehmen Gesicht. Die Ausstellung im Haus ist – nach europäischen Maßstäben – recht einfach, aber durchaus informativ, und man darf sogar auf die Trommeln schlagen – auch das ist anders als bei uns. Eine Schautafel informiert über den Rückgang der Tierwelt in Gambia. Im Freien arbeitet ein junger Mann an einem Webstuhl mit lang gespannten Kettfäden. Anhand von alten Bildern wird die traditionelle Arbeit von Webern und Leder-Verarbeitern erläutert sowie deren Bedeutung im Volksglauben.
Das Museum umfasst neben den Ausstellungshäusern ein großes, baumbestandenes Gelände mit traditionellen Hütten. U.a. sehen wir die Hütte eines „Headman“. Dieser hatte traditionell drei Ehefrauen, von denen je eine jeweils für zwei Nächte bei ihm zu weilen pflegte. Sie schlich sich heimlich, wenn ihre Kolleginnen schon schliefen, aus dem gemeinsamen Schlafhaus der Frauen fort zur Hütte des Headman. Allzu viel Vergnügen werden die Frauen dabei nicht gehabt haben, meinte Stefanie, denn sie waren beschnitten. Es gibt noch weitere Hütten, u.a. für eine für die jungen Männer und ein Vorratshaus auf Stelzen.
Wir erfahren einiges über Geister-Masken-Tänze. Es gibt u.a. einen gefährlichen Maskentänzer, den Kankuran, der mit Messern in den Händen auftritt und Leute ernsthaft verletzen kann, und einen freundlichen namens Kumpo, der aussieht wie ein Heuhaufen und der die Leute zum Tanzen animiert. Der Kankuran kann angeblich sogar durch die Luft fliegen. Die Leute verkriechen sich vor ihm in ihren Hütten und verhalten sich mucksmäuschenstill. Wenn so ein Maskentänzer auftritt, gilt er als der Geist, den er verkörpert. Es wird nicht nach dem Menschen gefragt, der unter der Maske steckt, und er wird nicht für die Schäden zur Rechenschaft gezogen, die er eventuell anrichtet. Stefanie hält es für bemerkenswert, dass man uns hier so freimütig von diesen eigentlich mit Tabus belegten Themen erzählt. Tourteilnehmerin Barbara, die aus Schwaben stammt, erinnert an bestimmte Fastnachtsbräuche aus Süddeutschland mit Maskentänzern, die in einigen Fällen auch Leute verprügeln. Bei einer späteren Gelegenheit erzählt uns Stefanie, wie in dem Dorf, in dem sie jetzt lebt, einige Leute am Ende einer Beschneidungszeremonie zu früh mit Feiern begonnen hätten. Ein paar Nachzügler unter den jungen Männern hatten zu diesem Zeitpunkt die Zeremonie noch nicht abgeschlossen. Plötzlich wurden die Feiernden von drei Kankurans angegriffen, die so die Ordnung mit Gewalt wieder herstellten. Einem Mann wurde dabei durch einen Messerhieb eines Kankuran eine Hand fast abgetrennt.

  

Schließlich werden uns noch Bäume und Pflanzen gezeigt, u.a. der Kapok-Baum, der als junger Baum am Stamm Dornen trägt und zu einem Riesenbaum mit gewaltigen Brettwurzeln heran­wachsen kann. Ein Mann vom Museum bringt uns zu einem Restaurant am Strand. Es ist hier sehr schön und sehr heiß. Ich gehe erst einmal in den Wellen baden.
Weiterfahrt, als es nicht mehr so heiß ist. Schließlich kommen wir zu einem Strand-Ressort namens Boboi, das zwischen den Ortschaften Gunjur und Kartong liegt. Die Lage ist wunderschön. Es gibt eine wie ein überdimensionaler Jägerhochsitz aus Holz gebaute Veranda, von der aus man zwischen Bäumen hindurch auf den Strand blickt. Die Anlage ist aber etwas einfach und das Personal schluderig. Es gibt nur ein brauchbares Waschbecken. Die Dusche funktioniert als „Mandi“ (indonesisch für Bad mit Wasserbehälter und Schöpfkelle). Die Betten in unseren Zimmern sind gekachelt und sehen so aus wie Badebecken. Noch einmal gehe ich plantschen in den Wellen. Es gibt ein üppiges Abendessen, was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, da wir bereits gut zu Mittag gegessen hatten, -begleitet von gelegentlichen Stromausfällen.

4. Tag, Tumani Tenda 9.11.08
Abfahrt, wie geplant, um 9:30 Uhr. Das Frühstück kommt schneller als erwartet, nach all dem Palaver, das es gestern Abend darum gegeben hat. Es gibt Baguette, Marmelade, Butter und Erdnussbutter und sogar Früchte (Papaya und Bananen). Fahrt auf der Straße. In den Dörfern Kinder: „Hello!…Toubab!“. Manchmal lästig: „Gimme Minti“ (= Bollchen, von englisch für Pfefferminze) …oder auch mehr. Mit unseren deutschen Durchschnittseinkommen stehen wir hier im Ruf von Weihnachtsmännern. In jedem größeren Ort steht eine Moschee, an manchen Orten merkt man auch die Anwesenheit von Christen. Zufällig halten wir vor einer katholischen Kirche, ein Haufen Kinder kommt heraus.
An den Straßen gibt es große Plakatwände mit auffällig viel Werbung von Mobilfunk­gesellschaften. Manche versprechen wertvolle Dinge, die man gewinnen kann: z.B. einen Fernseher, einen Generator oder eine Pilgerfahrt nach Mekka. Wir kommen in einen großen Ort namens Brikama, wo es einen Markt gibt. Einige von unseren Leuten gehen dort hin, um Stoff zu kaufen. Ich kümmere mich stattdessen um mein Fahrrad, bei dem ich Luft aufpumpen muss. Es gibt wieder das übliche Gerede mit den meist jugendlichen Leuten: E-Mail-Adresse, Spende für den Fußballverein…
Bei der Weiterfahrt gefällt mir die Landschaft immer besser. Immer wieder gibt es schöne große Bäume. Das Fahren wird aber auch mühsamer, da es um die Mittagszeit wärmer wird. Auf den Straßen gibt es wenig Verkehr, das meiste sind Kleinbusse voller Leute. Nach einiger Zeit wechselt der Straßenbelag von Asphalt zu staubiger, roter Schotterpiste. Nachdem wir dort eine gute Strecke gefahren sind, kommen wir erst in das Dorf Tumani Tenda und dann in das gleichnamige Öko-Touristenressort. Auf dem Dorfplatz findet gerade eine Versammlung statt, die Leute sitzen in einem großen Kreis. Die Touristenanlage ist ein gemeinschaftlich betriebenes Projekt des Dorfes.
Bei dem Ressort gibt es einen großen Flussarm mit Mangroven drumherum, angeblich ohne Krokodile und ohne Bilharziose. Trotzdem gehe ich nicht schwimmen. Nach dem klaren Meer erscheint mir die braune Brühe hier einfach nicht einladend. Ich wasche Wäsche in der Dusche und sitze eine Weile vor meiner Hütte, umgeben von summenden Insekten. Spaziergang im Dorf, am Mangroven-Gewässer und zwischen Feldern mit Hirse, Palmen und anderem. Wir gehen schon früh schlafen. Als ich noch in meinem Zimmer herumkrame, geht plötzlich das Licht aus. Der Generator wurde abgeschaltet! Ausgerechnet jetzt habe ich meine Taschenlampe verlegt. Als ich sie wieder gefunden habe, versuche ich, das Fliegengitter in der Tür meiner Hütte mit Leukoplast und Klopapier mückendicht zu flicken. Dann zeigt sich, dass die Tür mit dem Fliegengitter andere Abmessungen aufweist als der ihr zugehörige Rahmen, und dass sie sich deswegen nur mit roher Gewalt schließen lässt.

5. Tag, zurück in Sukuta – 10.11.08
Frühstück und Abschied vom sympathischen Tumani-Tenda-Personal. Durch die schöne Land­schaft fahren wir zurück nach Sukuta, im Wesentlichen über die bereits bekannte Strecke, unter Umgehung der Stadt Brikama. In den Feldern sind immer wieder knallrote Finken zu sehen, der Red Bishop. An einer Sperre winkt mich ein dicker Polizist mit jovialem Lächeln durch (Korpulenz ist hier angeblich ein Hinweis auf Korruption). Im Umland von Stadt und Flughafen wird die Landschaft langweiliger und der Verkehr dichter. Am Straßenrand ist nun weit und breit kein Schattenplatz mehr zu sehen, der für eine kurze Trinkpause einladen würde.
Den Nachmittag verbringe ich mit allerhand Geschäftigkeit, z.B. Postkarten Schreiben. Jetzt kommen die Fahrräder vom Flughafen an, und die Kameraden packen aus und schrauben. Bei Petrs Fahrrad ist die Hydraulikbremse beschädigt. Ich vermute, dass das eine Folge des Unterdrucks im Flugzeug ist. Schließlich fahre ich noch mit Thomas zum Strand. Ein Beachboy in Badehose labert uns voll und hindert uns daran, gemeinsam in die Wellen zu gehen. Auf dem Rückweg falle ich nach dem Überqueren der Straße in den Graben und erhebe mich unverletzt, aber voller Kletten. Gleich drei Gambier eilen hinzu, um mir zu helfen.
Unter den Gästen des Sukuta Camping fällt eine Gruppe von Männern aus Belgien auf, die zusammen mit jungen schwarzen Frauen einen offenen Pavillon im Zentrum der Anlage besetzen, in dem man kochen und es sich auf ausrangierten Autositzen bequem machen kann. Meistens sind die Frauen wild am Kochen und Schnattern. Einmal rede ich kurz mit einem der Männer – einem großen Kerl, der wie der Anführer der Gruppe erscheint. Er sagt, er sei auch einmal in Deutschland gewesen, und erzählt von FKK-Stränden, die er dort gesehen hat. Die Interessen scheinen hier also recht deutlich in eine Richtung zu gehen.
Abendessen im Sukuta-Camping: Gulasch mit Reis, Kartoffeln, Kürbis, Weißkohl und Erdnuss-Soße.

6. Tag, Grenzübertritt nach Senegal, Diouloulou, Kafountine 11.11.08
Frühes Aufstehen noch im Dunklen. Nach provisorischem Frühstück mit Keksen, Banane und Melone brechen wir schon um 7:30 Uhr auf und fahren erst einmal über dieselbe Strecke wie gestern. Am Straßenrand liegt ein überfahrenes Pferd.
Zuerst fahren wir auf der Autostraße. In irgendeinem Ort biegen wir rechts ab, es beginnt bald darauf eine Sand- und Schotterpiste. Sie ist etwas schwieriger zu befahren als die Straße, aber angenehmer, da die Landschaft schöner ist. Es gibt weniger Autos – aber wenn doch eines kommt, verursacht es eine riesige Staubwolke. Wir überqueren die Grenze von Gambia, dann ein gutes Stück Niemandsland und erreichen schließlich den Staat Senegal. Ein dicker Offizier hält mich kurz auf, während die Gruppe schon voraus fährt, entlässt mich aber mit jovialem Grinsen, als er merkt, dass ich den Kameraden ängstlich hinterher schaue. Unser Grenzübertritt erfolgte am 11.11. ziemlich genau um 11:11 Uhr.
Über wieder gut asphaltierte Straße fahren wir noch ein Stück durch eine recht schöne, grüne Landschaft mit vielen Bäumen bis in den Ort Diouloulou, wo wir Siesta halten und ein üppiges vegetarisches Mahl aus Couscous (Hirse), Maniok, Auberginen, Kohl und anderem zusammen mit Mafe, der hiesigen Erdnusssoße, einnehmen.
Nach ausgiebiger Mittagsruhe geht es weiter durch die schöne Landschaft. Schließlich treffen wir uns alle in Kafountine im Restaurant „Couleur“. Kafountine gilt als Künstlerkolonie. Stefanie hat hier ihren Wohnsitz auf einem großen Grundstück, wo wir ebenfalls für die nächsten zwei Tage Einzug halten. Auf dem Gelände sind einige Skulpturen aus Stefanies Produktion zu sehen, u. a. die „Schlafenden Tiere“: Löwe, Elefant, Leopard, letzterer stilecht auf einem großen Ast eines Baumes. Irgendwann einmal hatte uns Stefanie von den Schwierigkeiten erzählt, die sie mit dem Anbau von Gemüse und der Haltung von Nutztieren auf ihrem Gelände hatte: zwar stimmte es, dass die Pflanzen hier viel schneller wüchsen als in Deutschland, aber die Widerstände seien auch viel größer: Sehr viel wird abgefressen. Die Schafe von einheimischer Rasse, die sie einmal halten wollte, sind alle eingegangen.
Abends ziehen wir zum nahe gelegenen Strand, um bei untergehender Sonne und Vollmond in den Wellen zu baden, etwas gestört (vielleicht aber auch besonders gut unterhalten) durch einen extrem gesprächigen Einheimischen. Er stellt sich uns als Aladdin vor. Seine berühmt gewordenen Reden werden wir den ganzen Rest der Reise wiederholen: „In de Senegal, no stress, no discrimination… you know, what I am saying… in Dyermany, much stress…“. Aladdin hält uns davon ab, länger am Strand zu bleiben. Im Fortgehen hören wir ihn noch lange schreien und singen. Wir habe während der Reise etliche penetrante Beachboys, Händler, ungebetene Reiseführer und dergleichen kennen gelernt, aber Aladdin war die Krönung. Er wirkte geradezu ein bisschen irre. Eigentlich war er ein gut aussehender junger Kerl. Stefanie meint, dass es durchaus möglich sei, dass er tatsächlich an den Orten in Deutschland gewesen ist, von denen er uns gegenüber behauptet hat, er sei da gewesen. Manche Afrikaner, die ihr Glück in Europa versucht haben, dort aber gescheitert sind und dann irgendwann wieder als Versager in ihrer alten Heimat auftauchen, würden regelrecht verrückt. Ich versuche, es mir vorzustellen: die vielfach großen Anstrengungen, um überhaupt erst einmal in ein Land wie Deutschland zu gelangen, die großartigen Chancen, die sich einem dort zu bieten scheinen, die man dann aber doch nicht nutzen kann… Außerdem überlege ich mir, dass zwischen uns Touristen und den afrikanischen Beachboys und ähnlichen Typen ein kulturelles Missverstehen am Werke sein könnte, das vielleicht so funktioniert: Der Deutsche reagiert auf das, was er als zudringlich empfindet, indem er immer weniger antwortet und schließlich gar nichts mehr sagt. Dagegen ist dem Afrikaner ein Mensch, der stumpf und stur überhaupt keine Reaktionen zeigt, ein Rätsel. Er intensiviert daher seine Anstrengungen und quasselt immer mehr, worauf der Deutsche sich immer mehr abschottet, so dass sich beide Seiten in ihre Haltung hineinsteigern.
Den Abend lassen wir auf Stefanies Gelände ausklingen mit Bier und Fisch-Gebäck (Frittierten Fisch) vom Markt.

  

7. Tag, Kafountine – 12.11.08
Geruhsames Aufstehen, Wäsche waschen vor dem Frühstück. Zum Waschen muss man das Wasser aus dem Brunnen schöpfen und einen Eimer am Seil tief in den Brunnen hinunter lassen. Unten im Brunnenwasser schwimmt ein Frosch. Wir versuchen, ihn mit dem Eimer zu „retten“, denn er scheint keine Chance zu haben, aus eigener Kraft die Brunnenwände nach oben zu gelangen, um sein dunkles Gefängnis zu verlassen, aber dann stellen wir fest, dass es noch etliche von diesen Tieren dort unten gibt. Anscheinend können sie so leben.
Anschließend unternehmen wir einen gemeinsamen Spaziergang durch den Ort: Zuerst besichtigen wir das „Centre Satang Jabang“, ein Ausbildungsprojekt für junge Frauen. Unterrichtet werden Alphabeti­sierung, Computerkenntnisse, Textilarbeit, Kochen, Zeichnen und Malen und sicher noch anderes. Unterrichtssprache ist Französisch. In einem Zimmer hängen Modeentwürfe aus Papier und Bilder von Modenschauen an den Wänden. Zur Schule gehört auch ein Gemüsegarten. Man versucht ökologischen Landbau und hat eine Art Treibhaus aus Moskitonetzen aufgebaut, durch das Insekten ferngehalten werden sollen. Vor einem Laden neben der Schule trinken wir köstliche exotische Fruchtsäfte, u.a. von der Frucht des Baobab-Baumes, und gehen dann auf den Markt. Ich wechsele Geld und bestelle ein paar CDs mit westafrikanischer Musik. Auf dem Kunsthandwerks­markt höre ich immer wieder: „Very good price…!“, kaufe aber nichts.
Lange, erholsame Siesta auf Stefanies schönem Gelände, verschiedene Vogelstimmen sind zu hören, anschließend gibt es Tee und Kekse.
Um ca. 17 Uhr am Nachmittag gehen wir erst im Meer schwimmen und marschieren dann den Strand entlang zum Fischereihafen des Ortes. In einem Wäldchen mit kiefernartigen Bäumen stehen Boote, die offenbar neu gebaut werden. Dahinter beginnt auf einem Landvorsprung am Ufer ein hoher Vorbau aus Mauerwerk und Beton. Ausgerechnet hier verliere ich einen meiner Latschen. Er fällt die steile Betonböschung herunter ins Wasser und wird von der Brandung langsam fort getragen. In einem gewagten Manöver klettere ich herunter und kann ihn schließlich heraus­fischen, verliere dann aber kurz darauf beide Schuhe. Am Ende schließe ich das waghalsige Manöver aber doch noch erfolgreich ab.
Hinten sieht man schon ein paar Pirogen mit Leuten und dann auf einmal eine enorme, geschäftige Menschenmenge am Ufer. Man gibt mir zu verstehen, dass Fotografieren hier unerwünscht ist. So sehr ich es bedauere – es hätte großartige Bilder gegeben – ich richte mich doch danach und versuche auch nicht, heimlich zu fotografieren.
Eine große Piroge wird aufs Ufer gezogen. Arbeiter tragen Kisten voller Fisch vom Boot durchs Wasser und kommen im Laufschritt zurück. Dazwischen steht ein Mann, der mit einem Stock Zeichen gibt – anscheinend der Boss der Entladearbeiter. Am Ufer gibt es alle Arten von Leuten, viele Arbeiter, aber auch Frauen und ältere Männer sowie zwei weiße Touristinnen. Der Fisch wird an eigens dafür vorgesehenen, teils überdachten Plätzen auf den Boden geschüttet und teils in Säcke gepackt, teils lose in LKWs geschaufelt. Ich sehe überall nur eine Sorte Fisch: silbergrau, Standardform, etwa zwei Hände lang.
Zum Abendessen gibt es ein Spezialgericht von Ibou (Ibrahim), Stefanies Gärtner und „Mädchen“ für alles. Oben rohe Zwiebeln und Soße, darunter Fisch und unten Reis – alles serviert auf zwei großen Tellern, von denen wir gemeinsam essen.

8. Tag, Bootsfahrt durch die Mangroven – 13.11.08
Heute stehen wir ganz früh um 6 Uhr auf. Ibou hat das Wasser aus unserem Waschhäuschen zum Blumengießen weggenommen – das macht wirklich schlechte Laune. Außerdem hatte ich nachts einen Anflug von Montezumas Rache, daher esse ich erst einmal gar nichts und trinke nur eine Tasse Kaffee.
Per Rad fahren wir zum Pirogen-Anlegeplatz. Das Boot wäre nach deutschen Maßstäben mit zwei bis vier Fahrrädern eigentlich schon voll, aber am Ende gehen alle unsere Sachen – Fahrräder und Gepäck – und natürlich wir selbst sowie zwei Mann Besatzung hinein.
Wir fahren durch diverse Flussarme. Ich verliere bald die Orientierung. Links und rechts am Ufer stehen praktisch immer Mangroven, ein dichter Saum aus grünen Blättern, manchmal mit Blüten. Oft ist das typische Wurzelwerk der Mangroven zu sehen. Hin und wieder sehen wir Vögel: zuerst einen Schwarm weißer Vögel, später zwei Adler, dann eine Art Seeschwalbe, eine Gruppe Pelikane, die sich in die Höhe schraubt und später noch einen weißen Greifvogel, der als „Osprey“ (= Fisch­adler) bezeichnet wird. In einem sehr breiten Wasserarm, den wir durchfahren, gibt es Sandbänke, auf denen Winkerkrabben herumlaufen, und Untiefen. Letztere sind für mich nur schwer zu erken­nen, nur ein leicht erhöhter Wellengang zeigt sie an. Auf einmal verringern unsere Bootsleute das Tempo, und schließlich müssen wir sogar aussteigen und das Boot schieben. Gelegentlich macht auch der Außenbord­motor Probleme. Einmal muss die eigentlich gepflegt wirkende Maschine sogar auseinander gebaut und anscheinend der Benzinfilter gereinigt werden.
Der Casamance-Fluss ist dort, wo wir ihn erreichen, unglaublich breit. Es scheint sich um einer Art Mündungstrichter zu handeln. Wir sehen sogar Delfine springen. Gemäß Vorschrift müssen wir zur Fahrt über den Casamance Schwimmwesten anlegen. Nach langer Fahrt über den Fluss erreichen wir schließlich den Ort Elinkine am gegenüberliegenden Ufer.
Für mich war diese Bootfahrt, die sich über etliche Stunden hinzog, die anstrengendste Unterneh­mung der ganzen Tour. Die Hitze, die Sonneneinstrahlung, die vom Wasser reflektiert wird, der eintönige Motorlärm und das beengte Sitzen und vielleicht auch meine nicht ganz einwandfreie körperliche Verfassung taten ihren Teil dazu. Die gefahrene Strecke betrug nach Angaben der Besatzung nur 25 km. Uns erschien das jedoch völlig unrealistisch; wir schätzten die Strecke nach der Karte auf 120 km.
Das Dorf Elinkine ist ein kleines Nest mit Fischereihafen. Unsere Unterkunft, „Fromagerie“ (= Käserei) genannt, liegt direkt am Hafen. Sie ist ein bisschen primitiv. Gleich gegenüber steht eine Moschee, die Stimme des Muezzins und Gebetsgemurmel sind daraus zu hören. Mit Petr mache ich einen Spaziergang ums Dorf, dann sitzen wir noch eine Weile auf einem Baumstamm unter dem großen Baum am Hafen (besser sollte man sagen: Strand) und genießen die Aussicht. Zum Abendessen gibt es Fisch und Reis in der Fromagerie.

  

9. Tag, Animistenmuseum in Mlomp, Oussouye und Besuch beim König – 14.11.08
Schon um 6 Uhr schallt lauter Singsang aus der Moschee. So um 9 Uhr fahren wir per Fahrrad ab. Kurz hinter dem Ortseingang marschieren uns massenhaft Jugendliche entgegen, einige davon mit Steinen in der Hand. Es handelt sich um eine Schülerdemonstration gegen miserable Unterrichts­bedingungen: Unterrichtsausfälle, Lehrer, die nicht unterrichten… Mir fällt auf, dass alle Mädchen modisch schick angezogen und frisiert sind. Auch hier muss ich leider aufs Fotografieren verzichten.
Nach nicht allzu langer Fahrt kommen wir in dem Dorf Mlomp an, in dem es ein Animistenmuseum gibt. Dieses befindet sich auf dem großen Dorfplatz zwischen herrlichen Kapok-Bäumen mit gewaltigen Brettwurzeln. Es ist von einer kreisrunden Wand aus Palmwedeln umgeben. Ein Mann namens Jules erklärt uns die Kult- und Gebrauchsgegenstände im Museum. Unter anderem gibt es dort den ältesten Fetisch des Diola-Volkes, der (in meinen Augen) nichts weiter ist als ein großer Stein. Jules erzählt uns einiges über diverse Bräuche. Viele beziehen sich darauf, dass man Kinder bekommen möchte, und zwar möglichst viele. Dem Fetisch muss das Richtige geopfert werden, sonst bleibt das frisch verheiratete Paar kinderlos. Andere Bräuche und Vorstellungen beziehen sich auf Bestrafung bei Streit oder Buße für Diebstahl. Sogenante Jujus, das sind magische Gegenstände, werden an Feldern und Obstbäumen aufgehängt, um die Leute vom Stehlen abzuhalten. In der traditionellen Weltanschauung der Diola leben die Verstorbenen weiter, sagt Jules, es gibt den Glauben an Reinkarnation und an einen einzigen Gott, neben dem es aber noch viele Geister gibt, die in Fetischen, die anscheinend aus allem möglichen bestehen können, auf irgendeine Weise lokalisiert sind.
Nach einem alten Brauch der Diola, von dem ich nicht weiß, ob er heute noch praktiziert wird, tritt eine Frau, die mehrfach hintereinander Totgeburten hatte oder deren Kinder sehr früh gestorben sind, einer Art Gemeinschaft von Büßerinnen bei, allerdings erst, nachdem sie ihren Ehemann um Erlaubnis dazu gefragt hat. Sie trägt dann eine Maske, die aus einer Kalebasse mit ein paar Fransen daran besteht, und die wie ein Helm auf den Kopf gesetzt wird. Sie kann von jedem verlangen, ihr etwas zu Essen zu geben. Dazu hält sie ihre Helm-Maske hin, in die das Essen hinein getan wird. Sie ist aber auch verpflichtet, alles zu essen, was in ihre Helm-Maske gelangt, selbst, wenn es sich um zufällig hereingefallenen Vogelkot handelt. Gelegentlich geht sie zu ihrem Mann, in der Hoffnung, schwanger zu werden. Sollte sie tatsächlich ein Kind bekommen und es wird über drei Jahre alt, ist der Bann aufgehoben. Die Frau kann dann ihr altes, normales Leben wieder führen. Nur bei besonderen Zeremonien muss sie die Maske wieder tragen und wird mit einem Namen bezeichnet, der „ehemalige Angehörige der Büßerinnengemeinschaft“ bedeutet und sie beweist so vor allen Menschen, dass ihr Bemühen erfolgreich war. Ich denke, man muss hier voraussetzen, dass für die Diola der Tod der Kinder alles andere als Zufall war und dass rein physiologische Erklärungen nicht ausreichten. Ich habe auch den Eindruck, dass die Diola die Vorstellung von einer Art Schuld hatten, die auf der Frau lastet. Daher habe ich das Wort „Büßerin“ gewählt. Im Museum hat man uns stattdessen ein afrikanisches Wort genannt. Es lautet „Kanyalenga“ oder so ähnlich, wenn ich mich recht erinnere und ist für uns, aufgrund fehlender Kenntnis der Diola-Sprache, frei von Tendenzen.
Anschließend lasse ich mir noch ein zweistöckiges Haus zeigen. Es ist in afrikanischer Lehm­bauweise errichtet und hat Säulen in der Fensterfront. Es ist nach dem Vorbild europäischer Häuser gebaut worden, die die Senegalesen als Soldaten in den Weltkriegen gesehen haben. Als Bewohner des Hauses wird uns ein alter Mann gezeigt, der angeblich 1911 geboren ist und im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Dem jungen Mann, der uns zu dem Haus geschleppt hat, geben wir 2000 CFA – das ist fast halb soviel, wie Jules vom Animistenmuseum bekommen hat (5000 CFA) und wohl mehr als ein üblicher Tagesverdienst, aber er mault herum.
Weiterfahrt, u.a. über eine große Baustelle vorbei an großen Radladern, Gradern und LKWs, dann kurze Pause bei einem Wald, einem Dickicht aus allen möglichen Pflanzen. Schließlich kommen wir in Oussouye an, einer schönen, kleineren Stadt mit breiten Straßen, gut angezogenen Leuten und viel Militär. Es soll hier viele Christen geben. Unsere Unterkunft gefällt mir besonders gut.
Am Nachmittag besuchen wir den König von Oussouye. Stefanie meldet uns bei einem Mann an, den ich hier der Einfachheit halber Sekretär des Königs nenne. Wir warten eine Weile auf dem Markt, dann holt uns der Sekretär ab. Von der Straße geht es auf einem Fußweg in ein Wäldchen mitten in der Stadt. Dort kommen wir auf eine kleine Lichtung, auf der mit blauer Folie umkleidete Baumstämme liegen, die als Sitzbänke dienen. Nachdem wir dort ein Weilchen gewartet haben, erscheint der König. Er wird von seinem Sekretär begleitet, der ihm einen Hocker hinterher trägt. Der König ist in ein schlichtes dunkelrotes Gewand von der Art einer Gelebiye gekleidet und trägt einen roten Hut, der in etwa so aussieht wie ein besonders hoher Fes oder ein kleiner Zylinder ohne Krempe. Alles in allem ist er eine recht eindrucksvolle Gestalt. Er spricht mit leiser Stimme auf Französisch. Er redet nicht von sich aus, sondern er antwortet auf unsere Fragen, die meist Stefanie für uns an ihn richtet.
Das Königtum hier ist keine politische Institution, sondern es hat wichtige soziale und vermutlich auch kultische Funktionen. Der König kümmert sich um die Armen und er entscheidet in Rechts­streitigkeiten. Zu seinem Reich gehören außer Oussouye noch 18 Dörfer in der Umgebung. Es gibt drei alte Familien, aus denen der König gewählt wird und die die Wahl unter sich ausmachen. Stefanie macht Andeutungen, dass die Aufgaben des Königs schwer sind und dass „unser“ König vielleicht sogar lieber einen anderen Werdegang eingeschlagen hätte – er war früher Manager in einem Campement ähnlich dem, in dem wir heute übernachten. Die Wahl zum König hätte er aber kaum ablehnen können. Sein Name als König ist Maan. Früher hatte er einen anderen, bürgerlichen Namen. Er könnte so Mitte 40 Jahre alt sein. Er hat drei Ehefrauen und 13 Kinder.
Nach der Audienz fahren wir zu einer Cashew-Fabrik. Sie wird uns von einem Mann gezeigt, der, anders als so viele Leute hier, nicht besonders gut aussieht. Er ist aber sehr engagiert, spricht sogar ein auch für mich verständliches Französisch und wirkt überhaupt sehr sympathisch. Um die Anlage herum stehen die Cashew-Bäume. Die Nüsse hängen unten an Apfel-großen Früchten. Man wartet, bis diese Früchte von selbst von den Bäumen fallen und sammelt sie dann ein. Die Nüsse müssen in etlichen Arbeits­schritten gekocht oder gedünstet, geknackt, gebacken, gepellt und getrocknet werden. Im Rohzustand sind sie giftig. Man erzählt uns, dass es in der Erntesaison immer wieder Unfälle mit Kindern gibt, die die rohen Nüsse essen und krank werden. Unser Mann zeigt uns die Gerätschaften zum Kochen, Knacken und Backen der Nüsse. Alles in allem ist es eine mühsame Handarbeit. Man versteht nun, warum die Cashews auch bei uns relativ teuer sind. Beim Backen der Nüsse entstehen gewisse Abfallprodukte, die bei irgendwelchen Herstellungsprozessen von Elektronik­bauteilen verwendet werden können und mehr Geld einbringen sollen als die Nüsse selbst. Um diese Produkte in verwertbarer Weise herzustellen und so auf Geschäfte mit Europa hoffen zu können, benötigt man jedoch einen speziellen Backofen.
Zum Abendessen genehmige ich mir lediglich Baguette und La-vache-qui-rie-Käse, während die anderen eine Art Festessen serviert bekommen, bestehend aus Krabben als Vorspeise und Spaghetti mit Gulasch als Hauptgang. Unser Campement liegt ganz am Rande des Ortes. Ich sitze noch eine Weile auf dem Platz vor der Restaurant-Veranda. Es ist hier schön ruhig, ich schaue über die Reisfelder, zwischen denen ein Baum steht mit einer Silhouette, die ich, wenn ich sie auf einem Bild gesehen hätte, für ein Fantasiegebilde erklärt hätte. Nachts sind viele Sterne und die Milchstraße zu sehen.
Ich kaufe – als Mitbringsel einen kleinen Tontopf mit „Beurre de Karité“ / Shea-Butter, die auch bei uns als Grundstoff für Kosmetika verwendet wird.

  

10. Tag, Von Oussouye nach Enampore (Impluvium) – 15.11.08
Wir fahren am Königswald vorbei aus Oussouye heraus. Hinter dem Ortsschild passieren wir eine Open-Air-Schlachterei. Auf einem betonierten Platz steht eine Art Reckstange, an der Rinder­hälften hängen. Arbeiter sind daran beschäftigt. Drum herum lungern mehrere Köter und ein ganz großer Haufen Geier.
Wir fahren nun durch eine neue, ganz und gar ebene Landschaft zwischen Brackwasser-Seen und gelegentlich Reisfeldern. Die Straße bildet manchmal regelrecht einen Damm zwischen den Gewässern. Es ist völlig schattenlos, die Sonne macht mir trotz meines Hutes zunehmend zu schaffen. Als wir zur Mittagszeit in dem Ort Brin ankommen, bin ich total geschafft. Wir gehen in ein Restaurant in einem Rundbau mit offenen Wänden, das von einer kleinen, zierlichen Frau ganz allein betrieben wird. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine Kirche. Es gibt hier viele Christen, und denen ist es im Gegensatz zu den Moslems erlaubt, Alkohol zu trinken. Normaler­weise sitzen in unserem Restaurant Kerle herum und zechen und prahlen, und die kleine, zierliche Frau muss sich ganz allein um alle kümmern, erzählt Stefanie. Später kommen tatsächlich solche Typen. Einer erzählt uns von einem Deutschen, der hier im Dorf lebt, und den wir unbedingt kennen lernen sollen. Es dauert gut zwei Stunden, bis das Essen fertig ist – ich beteilige mich auch diesmal nicht daran. Dagegen probiere ich ein Scheibchen Kola-Nuss. Es schmeckt mir schlecht und bitter, aber ich werde wieder etwas munterer – sei es nun von der Droge oder vom Ausruhen. Außerdem trinken wir Pastis, ganz in französischer Manier, und schließlich noch Kaffee.
Um 16 Uhr geht es weiter über einen schönen Sandweg. Leider kommen uns jetzt viele Autos entgegen und stauben uns voll. Nach kurzer Fahrt erreichen wir Enampore, wo wir heute Nacht in einem Impluvium einquartiert sind. Das ist ein traditioneller, ring­förmiger Lehmbau – man könnte auch sagen, mehrere im Kreis mit geringen Abständen zueinander angeordnete Häuschen aus Lehm unter einem gemeinsamen, ebenfalls ringförmigem Strohdach, das in der Mitte einen offenen Hof frei lässt, wo Pflanzen wachsen und der Regen hereinfallen kann. Vom Innenhof aus geht es durch niedrige Eingänge in unsere Zimmer. Es sollte ein sehr angenehmer Aufenthalt werden – die kleinen Zimmer sind nämlich einigermaßen kühl. Drei Männer schleppen eimerweise Wasser vom Brunnen ins Bad des Impluviums für uns zum Duschen. Bei unserem Impluvium handelt es sich um einen Neubau für Touristen. Ein anderer Bau dieser Art wird uns bei einem Dorfspaziergang gezeigt. Er wird von fünf Ehepaaren mit ihren Kindern bewohnt. Die älteren Kinder wohnen an der Außenseite. Das Dorf ist recht weitläufig. Am Ende des Spazierganges gelangen wir zur Ortsmitte mit Schule, Moschee, Disco und Krankenstation.
Für mich gibt es heute das erste richtige Abendessen seit ein paart Tagen mit Salat, Gulasch, Nudeln und Früchten.

  

11. Tag, Ziguinchor – 16.11.08
Abfahrt am frühen Morgen. Die Landschaft erscheint in schönem Licht, nur ich bin noch nicht ganz wach. Ankunft in der großen Stadt Ziguinchor im Campement Aw Bay im Stadtteil Kolobane um 9:50 Uhr. Ich wasche mich erst einmal selbst und dann ein paar von meinen Kleidungsstücken. Um 12 Uhr geht es weiter zum Stadtspaziergang. Vorher probieren wir noch Palmwein und Ataya-Tee – letzterer wird von einem kleinen Glas immer wieder in zweites um- und wieder zurück geschüttet, bis sich Schaum bildet. (Für alle Leser, die immer noch nicht ganz mit den afrikanischen Verhältnissen vertraut sind:) alle trinken dann aus demselben Glas.
In die Innenstadt fahren wir mit Taxis. Es ist eine unordentlicher Stadt mit verfallenden Villen aus der Kolonialzeit und zwischendurch mal ein paar modernen, gepflegten Gebäuden, z.B. Banken. Zuerst gehen wir essen in einem schicken Restaurant namens „Kassa“ und dann zum Geldwechseln zu Libanesen, die uns jedoch übers Ohr hauen. Ziguinchor liegt am Casamance Fluss, der hier sehr breit ist. Am Flusshafen bedrängen uns Verkäuferinnen mit Perlenketten. Wir trinken Cola im schönen Café eines Hotels am Flussufer. Später gehen wir über den Markt. Straßengewirr, alles mögliche Zeugs wird angeboten, nur nicht das Obst, nach dem wir suchen. Auf dem Kunsthand­werksmarkt sind wir die einzigen Kunden. „Hello, my friend!“ tönt es von überall her, und alle Händler applaudieren, als Barbara schließlich als Einzige etwas kauft. Anschließend besuchen wir noch das französisch-senegalesische Kulturinstitut, das inzwischen jedoch geschlossen hat. Heimfahrt im klapprigen Taxi.
Zum Abendessen gibt es nur Früchte und Knabberzeug und lange Gespräche. Nachts schwitze ich mehr als ich schlafe und träume seltsamerweise von einem Klassentreffen.

12. Tag, Von Ziguinchor nach Baïla – 17.11.08
…Trotzdem stehe ich früh und fit auf. Abfahrt um 7:40 Uhr, es geht durch die chaotische Stadt und dann über die Brücke über den Casamance-Fluss. Bei einem Fotostopp auf der Brücke fällt mir meine Fronttasche herunter – sie war nicht richtig in ihrer Halterung eingerastet, und sie enthält alle wirklich wichtigen Sachen! – und rollt Richtung Kante, wird aber durch das Geländer gerade noch aufgefangen – meine schlimmste Schrecksekunden während der ganzen Tour !!
Nach der Brücke beginnt ein Mangroven-Sumpfgebiet. Der Straßenbelag besteht aus Pflastersteinen, der Weg ist daher sehr stabil, er hat sich jedoch an einigen Stellen abgesenkt und ist überschwemmt. Wir müssen absteigen und durchs Wasser watend schieben. LKWs und Personenwagen haben entsprechende Probleme. Ein Auto bleibt bei dem Versuch, die anderen rechts zu überholen, stecken, aber sofort sind andere Leute bereit, zu helfen. Neben der überschwemmten Straße leben Winkerkrabben in großen Kolonien ihr eigenes Leben.
Wir kommen in Bignona an. Mich nervt diese Stadt etwas. Cola trinken. Hübsche Frauen. Briefmarken kaufen. Weiter geht es durch schöne Landschaft, einen Wald mit großen Bäumen. Immer wieder sind Soldaten an der Straße postiert. In dieser Gegend könnte es noch verstreute Banden ehemaliger Rebellenbewegungen geben. Durch einen Soldaten, der meint, unsere Pässe kontrollieren zu müssen, der aber keineswegs unfreundlich ist, werden wir kurz aufgehalten. Kurz vor 13 Uhr kommen wir in der Stadt Baïla an, wo wir unser heutiges Ziel erreichen, ein schönes Campement Villageois. Wir pflegen unsere Fahrräder und probieren eine Frucht namens Sicompasse. Sie stammt von der Rônier-Palme und bildet eindrucksvolle, fast manngroße Trauben von großen, kokosnussartigen Früchten. Man lutscht aber nur drei Löcher mit geleeartiger, farbloser Füllung aus. Ich bin davon weniger beeindruckt. Anschließend machen wir einen schönen Abendspaziergang durch das Dorf und an einem Fluss entlang. Ich mache Fotos kurz vor Sonnenuntergang. Abendessen im Campement, es gibt „Thieboudienne“, Reis und Fisch.

 

13. Tag, Rückfahrt nach Sukuta – 15.11.08
Wir haben uns überlegt, dass die Übernachtung in Diouloulou aller Voraussicht nach ziemlich langweilig ist und wollen daher die lange Strecke bis Sukuta in eins durchfahren.
Aufbruch um ca. 8 Uhr und Fahrt durch schöne Landschaft im Frühnebel. An der Grenze gibt es Trouble um die Einreisevisa der beiden Tschechen (ich benötige so etwas nicht). Der letzte Posten, der dem eigentlichen Grenzübergang in einer Entfernung von ein paar Kilometern nachgeschaltet ist, moniert ein fehlendes „Receipt“ für die Visumgebühr (350 Dalasi hatten Pavel und Petr jeweils am Grenzübergang bezahlt). Das dauert, aber irgendwann geht es doch weiter. Nebenbei bekommen wir heraus, dass die Visumgebühr eigentlich nur 300 Dalasi gewesen wäre – deswegen also gab es keine Quittung!
Ankunft um 13:45 Uhr im Sukuta Camping. Die heute gefahrene Strecke betrug 95 km. Den Rest des Tages verbringen wir mit Siesta und Schwimmen. Zum Abendessen gibt es sehr deutsche Küche: Steak und Kartoffeln mit Soße, dazu einen leckeren Nachtisch sowie Gespräche mit einem Paar aus England.

14. Tag, Banjul – 16.11.08
Ich bin schon relativ früh auf, so um 8:30 Uhr, aber Pavel und Petr tauchen erst später auf. Heute wollen wir nach Banjul, der Hauptstadt von Gambia. Die Fahrräder wollen wir diesmal stehen lassen. So gegen 11 brechen wir auf. Gleich an der Straße bekommen wir ein Taxi und lassen uns zum Triumphbogen „Arch 22“ in Banjul fahren, die Fahrzeit beträgt in etwa zwei Stunden.
Den Triumphbogen kann man besteigen. Ein paar junge Frauen mit plärrendem Kleinkind bringen uns zum Fahrstuhl. Oben kann man bei einem hübsch frisierten und mangels Beschäftigung müden Mädchen Getränke kaufen. Wir trinken Cola auf der Terrasse und machen Fotos. Man hat einen schönen Ausblick über die Stadt. Banjul liegt auf einer Halbinsel und ist daher in seinem Wachstum eingeschränkt. Serekunda ist längst die größere und wirtschaftlich wichtigere Stadt in Gambia. Es ist auch erkennbar, dass Banjul kleiner ist als Ziguinchor, allerdings wirkt es „stadtiger“, da es mehr mehrstöckige Gebäude hat. Im Inneren des Triumphbogens gibt es eine Ausstellung, die sich vor allem mit „Jujus“, das sind Fetische oder Amulette, beschäftigt.
Wir gehen die durch den Triumphbogen führende Straße entlang in Richtung Innenstadt. Bald gibt es immer mehr Geschäfte. Wir kommen am Parlament und an einem Krankenhaus vorbei und betreten schließlich das Nationalmuseum. Im Museum gibt es alles mögliche Zeug: alte Gerätschaften, viele Bilder von Politikern und Gebäuden und andere historische Fotos. Kolonialgeschichte, vorkoloniale Geschichte und die Marabout-Kriege und natürlich viel über magische Bräuche. Es gibt Waffen und Musikinstrumente – die letzteren in weniger gutem Zustand – sowie Gebrauchsgegenstände und dazwischen das Kleid einer Miss Gambia aus den achtziger Jahren. In diesem staubigen, krautigen Museum würde ich mich gerne noch viel länger aufhalten!
Immer wieder taucht ein junger Mann auf, gibt ungefragt Hinweise auf die Ausstellungen und fällt mir mehr und mehr auf die Nerven. Ich bin ganz unhöflich und ignoriere ihn. Als wir wieder die Straße entlang gehen, die immer mehr marktartigen Charakter annimmt, und schließlich ein großes Schulzentrum oder Hochschule erreichen, folgt er uns auf Schritt und Tritt, begrüßt Polizisten wichtigtuerisch wie alte Freunde und verscheucht andere Typen, die uns ansprechen wollen. Ich schaue demonstrativ nicht hin, wenn er uns etwas zeigen will und finde seine Anwesenheit zusehends als ermüdend. Warum sieht er es denn nicht ein..?! Einmal kommt Hoffnung auf, als er ein anderes weißes Paar entdeckt, aber leider kommt er kurz darauf wieder. So geht es bis zum Fährhafen, wo es im Übrigen nicht viel zu sehen gibt. Wir schnappen uns das nächste Taxi. Heftiges, verzweifeltes Geplapper von unserem „Freund“, dann fahren wir davon.
Der Taxifahrer gefällt mir schon vom Gesicht her viel besser als unser ungebetener, erfolgloser Stadtführer. Auch sein Auto ist in einem für hiesige Verhältnisse sehr guten Zustand. Aus dem Autoradio kommt Musik von Youssou N’Dour. An der Tankstelle, an der wir kurz halten, bettelt ein Rollstuhlfahrer. Immer wieder stelle ich mir in diesem Land die Frage: Soll man was geben? Dem ungebetenen, aufdringlichen Stadtführer sicher nichts – aber auch er ist nur ein armer Kerl, der hart um ein paar Groschen kämpft. Bettelnden Kindern soll man nichts geben, wird uns gesagt – sie seien oft von religiösen Führern, die ihnen eigentlich Unterricht geben sollten, zum Betteln auf die Straße geschickt worden, und wer gibt, unterstützt nur ein schändliches System.
Das Taxi schlägt versehentlich einen falschen Weg ein. Wir fahren daher durch die ungepflasterte Geschäftsstraße von Sukuta. Wegen der vielen Löcher geht es nur im Schritt-Tempo voran, und so habe ich jede Menge Zeit, zu schauen: Geschäfte, Waren, Werkstätten, Frauen in schönen Kleidern… Nur die Youssou N’Dour-CD läuft bei dem Geruckel nicht mehr.
Am Abend gehe ich mit Pavel zum Strand. Stefanie hat inzwischen mein bzw. ihr Fahrrad geputzt; wir gehen daher zu Fuß. Der Weg zieht sich hin. Der Himmel ist nun bedeckt. Das Wasser scheint auch nicht ganz so warm zu sein, wie sonst. Vor dem Strandhotel findet eine große Party statt. Dazu benötigen die Leute hier nur einfach ein paar Trommeln, zu deren Rhythmus getanzt werden kann. Natürlich werden wir wieder von allen möglichen Leuten wie alte Freunde begrüßt, Joints werden uns angeboten. Auf dem Rückweg begleiten uns zwei Jungens. Der eine kann etwas Deutsch und erzählt uns von einem Walter aus dem Ruhrgebiet, der es ihm beigebracht hat und mit dem er per E-Mail Kontakt hält. Am Ende zeigt es sich jedoch, dass auch diese beiden Jungens etwas ähnliches machen wie unser ungebetener „Führer“ in Banjul – und Pavel und ich schauen uns etwas ratlos an. Trotzdem waren diese Jungens wenigstens sympathisch und anscheinend auch nicht primär unterwegs, um Toubabs anzugraben.
Ich erinnere mich an eine Textpassage von V.S. Naipaul aus dem Roman „An der Biegung des großen Flusses“, wo der Autor beschreibt, wie die „reichen“ Ausländer eine Art Beute für die Afrikaner sind. In diesem Land, wo alle Einheimischen betonen, wie freundlich und stressfrei man ist, wird ständig eine gewisse Distanz unterschritten: Ist es nicht auch in Afrika ungehörig, den Wildfremden gleich im dritten Satz nach seiner Adresse zu fragen? Warum bekommt man gleich wieder „Weed“ angeboten, wenn man es soeben für alle vernehmbar abgelehnt hat? Manche möchte ich gerne anblaffen: „Ich bin nicht dein Freund !“ – aber dazu sind sie dann doch wieder zu freund­lich und charmant… Immer wieder zeigt sich die abgrundtiefe Distanz bei den wirtschaftlichen Verhältnissen zwischen uns und den Afrikanern, die uns daran hindert, eine „normale“ Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Was würden die Leute auf den Dörfern dazu sagen, wenn sie erführen, wie viel allein die Nabenschaltung von Thomas‘ Fahrrad gekostet hat?! Für viele Leute sind wir eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen wollen. Manchmal wollen ältere Kinder oder Jugendliche irgendetwas von meinen Sachen haben – z.B. meine alten Badelatschen oder das dreckige Handtuch, das ich zum Trocknen auf den Gepäckträger meines Fahrrades geklemmt habe. Sind sie wirklich so arm, dass sich das lohnt? Ich denke, denen geht es eher darum, eine Art Trophäe vom Toubab zu ergattern, und sie versuchen es bei den wertlosen Gegenständen, wohl in der Hoffnung, dass ich sie leichter hergebe. Im Übrigen war die große Mehrheit der Einheimischen, mit denen wir zu tun hatten, keineswegs aufdringlich – ganz im Gegenteil! Es sind lediglich ein paar Nervensägen, die sich in den Vordergrund gedrängt haben, und die in meinem Reisebericht über Gebühr gewürdigt werden.
Abends sitzt die ganze Gruppe noch lange zusammen. Thomas hat Pastis gekauft, wir machen die ganze Flasche nieder, verdünnt mit Wasser, und bedanken uns bei Stefanie, die eine ganz besonders gute Führerin war, gerade, weil sie nicht wie eine typische Reiseleiterin aufgetreten ist. Wir führen Gespräche über Reisen, Gefahren auf Reisen, Stefanies Kunst und anderes.

15. Tag, Rückreise – 16.11.08
Kofferpacken und Abschiednehmen von den Reisekameraden, von denen einige noch etwas länger bleiben. Joe und Claudia bringen uns zum Flughafen. Natürlich gibt es beim Check-In wieder Theater um die beiden Fahrräder. Angeblich passen die sorgfältig gepackten Kartons nicht durch das Kontrollgerät und sollen geöffnet werden – auf einmal geht es dann aber doch.
Langweiliges Warten auf dem Flughafen. Man kann jedoch angenehm draußen sitzen. Ich bin auch gar nicht überrascht, dass sich der Abflug von Spanair um fast eine Stunde verspätet.
Das Gebiet von Westsahara und Marokko, über das unser Flugzeug fliegt, ist überraschenderweise bewölkt. Beim Sonnenuntergang werden die Wolken von unten rot beleuchtet, ein starkes Bild, wie Glut unter der Asche.
In Madrid gehen die beiden Tschechen ins Hotel. Mein Flug startet schon sehr früh am nächsten Morgen, und so bleibe ich auf dem Flughafen. Meine Bordkarte für den morgigen Flug muss ich am Automaten ausdrucken, was mir Probleme bereitet. Schließlich schafft es Petr für mich. Ich gehe durch die Kontrolle. Zum Essen war nichts brauchbares mehr aufzutreiben. Die ganze Nacht bis morgens um halb sechs drücke ich mich im gesicherten Bereich des Flughafens herum, lese, schlafe und wandere durch die endlosen Gänge – letzteres hat wegen der Einsamkeit auch einen gewissen eigenartigen Reiz.
Deutschland erscheint unter einer einfarbigen, grauen, undurchsichtigen Wolkendecke. Um 10 Uhr bin ich auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt. Es ist kalt. Leider geht es erst nach 12 Uhr weiter. Um 15 Uhr bin ich zu Hause.

Fazit:
– Sehr gutes, einfaches Fahrradfahren auf meist guten Wegen bei wenig bis gar keinem Autoverkehr. Das Hauptproblem dafür stellt die Hitze dar, und der sind wir ausgewichen, indem wir mittags eine lange Pause machten.
– Der Reiz dieser Tour liegt darin, sich auf bodennahe Weise durch die gewöhnliche, alltägliche Umgebung von Menschen zu bewegen, deren Lebensumstände so viel anders sind als unsere.
– Die Landschaft wirkt durch ihre Andersartigkeit und Exotik. Es gab keine besonderen Highlights an Kultur- und Naturdenkmälern, außer den großen Bäumen.
– Sehr gut war die Führung durch Tourenleitern Stefanie.