Reisebericht Aegypten Sudan 2015 Horst

Lässt man sich von den öffentlichen Medien in Deutschland in ihren Berichterstattungen über die Nahost Region, und ich zähle Sudan der Einfachheit halber mal mit dazu, leiten, dann gewinnt man möglicherweise sehr schnell den Eindruck, dass die ganze Nahost Region politisch destabilisiert ist und alle betroffenen Staaten entweder schon den Status des „lost states“ haben oder kurz davor sind, diesen zu erreichen. Die Seiten des Auswärtigen Amtes sind diesbezüglich auch nicht viel beruhigender, kurzum, es fahren nur Verrückte oder verantwortungslose Zeitgenossen als Touristen in den Nahen Osten.

Die Ostsahara dann auch noch auf dem Fahrrad durchqueren zu wollen, grenzt demzufolge schon an eine blasphemische Herausforderung des Schicksals. So hat es nicht überrascht, dass in Assuan ein „deutsches Pauschaltouristenehepaar“ uns viel Glück gewünscht hat, dass wir auf unserer Wüstendurchquerung nicht in die Hände von kopfabschneidenden Terroristen fallen. Soviel zum allgemeinen Meinungsbild.

Wie habe ich die Realität erlebt? Ich habe mich sowohl in Ägypten und erst recht im Sudan noch nie so sicher und beschützt gefühlt. Ich habe nicht eine einzige Situation erleben müssen, in der ich mich unwohl oder unsicher gefühlt habe. Die vielen Menschen, denen wir begegnet sind, waren uns gegenüber alle extrem offen, aufgeschlossen und hilfsbereit, vorausgesetzt natürlich, dass wir uns auf Gepflogenheiten und Kultur der Gastgeber eingelassen haben.

Etwas traurig hat mich die Tatsache gestimmt, dass zumindest in Ägypten sehr sichtbar das Touristikgeschäft nahezu zum Erliegen gekommen ist. Im Sudan sind Touristen aktuell Angehörige einer exotischen Spezies, nur wenige haben wir auf unserer Reise getroffen. Diese Realität ist umso bedrückender, als dass gerade in Zeiten politischer Veränderungen und möglicher Bedrohungen wir den Menschen durch Reisen in ihren Ländern sowohl einen wirtschaftlichen Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt geben können, wir setzen aber mit unserer Anwesenheit vor Ort auch ein Zeichen, dass wir den Menschen solidarisch beistehen wollen. Aus diesem Grunde bin ich überzeugt, dass der Begriff „je suis Charlie“ sich nicht nur auf die Rede- und Meinungsfreiheit beschränken sollte, sondern auch die Bewegungs- und Reisefreiheit umfassen muss. In diesem Sinne mein Appell: lasst uns nach Ägypten und Sudan reisen.

Jetzt aber zur Reise. Flug über Cairo nach Luxor problemlos, Zusammenbau der Räder fast schon Routine und die Fahrt nach Esna am ersten Tag eine tolle Einstimmung auf das Fahrradfahren auf afrikanischen Straßen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn fast jeder Passant und Autofahrer einem zuwinken, untermalt von lautem und frenetischem Hupen. So müssen sich die Teilnehmer der Tour de France fühlen, wenn sie auf der letzten Etappe die Champs Elysee befahren. Von Esna ging es die nächsten drei Tage mit einer Feluke Nilaufwärts Richtung Assuan. Mir persönlich ist es etwas schwer gefallen, drei Tage lang auf der Feluke zu sitzen, ohne dass ich mich sportlich irgendwie betätigen konnte. Auf der anderen Seite war diese „erzwungene“ Pause gut und auch sehr hilfreich, mich an das Klima und die damit einhergehenden Lebensgepflogenheiten zu gewöhnen. Ich hätte mir diese Ruhephase nie gegönnt, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, mit dem Fahrrad zu fahren statt auf der Feluke zu sitzen. Die Crew der Feluke verdient ein großes Kompliment. Sie hat sich rührend um uns gesorgt und phantastisch gekocht. Ich befürchte fast, dass ich nach drei Tagen Feluke Gewicht zugelegt habe, welches ich in der Wüste dann aber wieder abarbeiten konnte.

Die Fahrt von Assuan über den Nasser Stausee nach Wadi Halfa ist auch unter die Rubrik „erlebenswert“ einzuordnen. Großer Dank geht an Jens, der mit Kompetenz, Übersicht und unglaublicher Gelassenheit uns durch die vielen ägyptischen Kontrollen beim Einchecken auf der Fähre geführt hat und gleiches wieder dann bei der Einreise in den Sudan in Wadi Halfa. Ich kann auch heute nicht erklären, wozu diese vielen Kontrollen, Stempel und Formulare gut sind, ich bin wahrscheinlich viel zu sehr rationaler Westeuropäer, als dass ich diesem ganzen Treiben irgendeinen Sinn abgewinnen könnte. Jedenfalls ist uns die Einreise in den Sudan gelungen, der Weg zur Durchquerung der Wüste war also frei. Hervorheben möchte ich noch den für mich bemerkenswerten Umstand, dass es möglich war in Wadi Halfa eine SIM Karte für mein Handy zu erwerben. Nach fast zweistündigen Verhandlungen war sogar die Verbindung zum Internet freigeschaltet. Wirklich bemerkenswert, aus der Wüste heraus immer wieder Zugang zum Internet zu bekommen.

Die Fahrt durch die Wüste ist ein einmaliges Erlebnis gewesen, dass nur sehr schwer in Worte zu fassen ist. Sehr gefallen hat mir die von Jens vorgegebene Ablauforganisation der Tour. Alle 15 bis 20 km hatte Jens eine Zielmarke definiert, an der sich unser kleines Team treffen musste. Bis zu dieser Zielmarke konnte jeder Teilnehmer nach eigenem Rhythmus radeln. Mir gab dies die Gelegenheit, viele Kilometer für mich alleine zu fahren und mich dabei der Monotonie und unendlichen Weite der Wüste zu überlassen. Eine fast schon meditative Erfahrung, die ich sehr genossen habe und die ich auch von meinen Langstreckenläufen her kenne. In dem Zusammenhang direkt noch ein zweites Lob an Jens, der sehr darauf achtete, dass wir ausreichende Wasservorräte mit uns führten. Mir war gar nicht klar gewesen, welche Mengen an Wasser ich brauche, um eine Tagesetappe schadlos zu überstehen. Als sehr positiv habe ich den Teamspirit unserer kleinen vierköpfigen Gruppe erlebt. Die Chemie zwischen uns stimmte, ohne dass viele Abstimmungen notwendig gewesen wären. So liefen auch das Auf- und Abbauen der Zelte, Kochen, Geschirrabwasch uäm. völlig komplikationslos und stressfrei, hat sogar Spaß gemacht.

Die Ankunft in Khartoum und das Fahren  mit dem Rad durch die Stadt zum Blue Nile Sailing Club waren dann eine radikale Abkehr von der Stille und der Einsamkeit in der Wüste. Etwas bedauerlich ist gewesen, dass der Blue Nile Sailing Club während unserer Anwesenheit sich als eine einzige Baustelle präsentiert hat. Zur Zeit wird das komplette Clubgelände generalsaniert. Dieser Baustellencharakter hat leider auch die sanitären Einrichtungen nicht verschont. Schade, da nach der Wüstendurchquerung der Wunsch nach einer sauberen Toilette und Dusche schon ziemlich präsent war. Sicher bin ich, dass zukünftige Reisegruppen nach Beendigung der Bauarbeiten den Blue Nile Club als kleines Juwel genießen werden können. Wir waren halt zu früh da.

Die Exkursion zu den Pyramiden von Meroe empfehle ich allen zukünftigen Reiseteilnehmern. Völlig unberührt vom Tourismus lassen sich hier Pyramiden und Tempelreste aus der alten nubischen Hochkultur bewundern. Ich muss gestehen, dass diese Hochkultur in meiner Schulzeit sträflich vernachlässigt worden ist. Schade.

Damit war dann unsere tolle Reise auch schon wieder zu Ende. Rückflug von Khartoum über Cairo nach Frankfurt etwas ermüdend aufgrund der Abflugzeit in der Nacht. Dafür hatten wir dann aber in Cairo ausreichend Zeit, unsere Wüstendurchquerung mit einem echten ägyptischen Bier zu feiern. Aufgrund des unverschämt hohen Preises ist es bei einem Bier geblieben.

Abschließend noch ein ganz herzliches Dankeschön an Jens, der uns sicher, verlässlich und sehr kompetent von Luxor nach Khartoum geführt hat. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, mit ihm die ganze Strecke zu radeln und auch seinen Ausführungen zum Aquarellieren zuzuhören. Auch wenn ich selber nicht male, so habe ich sein Fachwissen sehr geschätzt, da es mir für mein Hobby der Reisefotographie sehr viele nützliche Hinweise gegeben hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mit Jens mal wieder eine Reise antreten könnte.

Horst Müller