Fahrradtour im Westen von Uganda, bergauf und bergab 2009

Uganda 30.11.– 20.12.2009

30.11/ 1.12.2009
Der Zug war pünktlich, binnen einer halben Stunde hatte ich in Frankfurt mein Rad und den Schalter der Ethiopian Airlines gefunden und nach einigen Runden traf ich auch Angelika, Klaus und Beate. Da fühlte ich mich schon ganz geborgen.
Beim Einchecken trat zum ersten Mal Beate auf den Plan. Als wir pro Rad 110,00 € bezahlen sollten, erklärte sie der verdutzten Dame hinter dem Schalter, dass das nicht für verpackte Räder gilt und war dabei so überzeugend, dass wir die Räder tatsächlich ohne Gebühr abliefern konnten.
Der Flug war gut und beim Umsteigen in Addis Abeba haben wir noch ein sehr nettes Erlebnis. Die Sicherheitskontrollen sind sehr genau und inklusive Schuhe ausziehen, ist alles geboten. So auch für eine junge Afrikanerin, die sogar ihr Kind vom Rücken abbinden muss. Sie steht recht hilflos mit dem Bordgepäck, der Schale mit dem Kleinzeug, ihren Schuhen, dem Baby und dem Tragetuch da. Nach einem suchenden Blick geht sie auf Angelika zu und drückt ihr ohne Worte das Baby in die Arme. Dies lässt sich das ruhig gefallen und blickt mit großen Augen um sich.
In Entebbe ist dann wieder Beate dran. Als sie mit ihrem Monsterwagen, beladen mit 2 Radkartons und etlichen Packtaschen anrollt, will sie eine Angestellte zum Zoll schicken. Doch Beate drückt ihr ein freundliches Gespräch aufs Auge, weckt ihr Interesse an unserem Vorhaben und als ich dann mit dem zweiten Wagen und dem restlichen Gepäck, ebenfalls ein Monsterwagen komme, ist die Begeisterung über die Rad fahrende Oma so groß, dass die Angestellte uns den Weg zum Ausgang weist. Dort wartete eine sehr positive Überraschung auf uns: Patrick, unser Guide, erklärte uns, dass wir nun nicht als erstes die Räder montieren müssen um anschließend nach Kampala zu fahren, sondern dass wir per Taxi dorthin fahren können und die Montage erst dort im Hotel erledigen können. Nach der langen Anreise ein überaus prickelnder Gedanke. Allerdings wird das Prickeln bei mir nach und nach von einem eher bangen Gefühl überlagert, als ich sehe in welchem Auf und Ab wir uns nach und in Kampala bewegen. Noch hege ich die stille Hoffnung, die Stadt sei ähnlich wie Rom auf Hügeln errichtet, und sollte das Schicksal mir gnädig sein, von vielen Ebenen umgeben.
Hatte ich bisher geglaubt, in Ouagadougou  herrscht auf den Straßen das Chaos, so lag das nur daran, dass ich Kampala nicht kannte. Im Vergleich wirkt Ouaga eher wie eine stille Oase. Es ist Feierabendverkehr und das auch noch links. Vier Polizisten pro Kreuzung schaffen es nicht, das Knäuel ineinander gekeilter Autos, Motorräder, Fahrräder und Fußgänger zu entwirren. Ein Überqueren der Straße erfordert Todesmut. Ich halte mich so dicht wie möglich hinter Patrick und hätte am liebsten seine Hand ergriffen. Unsere Vorhaben in Kampala gleichen sich dem Chaos auf den Straßen an. Geld wechseln, Räder zusammenbauen, Stadt anschauen, Abendessen, für morgen umpacken, Wasser kaufen – ich weiß gar nicht mehr in welcher Reihenfolge wir das erledigten.
Ich bringe einen Stau in den Ablauf. Während des Transports hatte sich die Kette aus der Halterung am Werferrädchen gelöst. Niemand hat eine Ahnung, wie man sie wieder an ihren Platz zurückbringen könnte. Erst hilft Beate, dann kommt auch noch Klaus. Entnervt ziehe ich mich zurück. Plötzlich ein Ausruf der Freude. Es kann mir zwar niemand erklären, wie es gelungen war, aber die Kette ist wieder drin. Da verschmerze ich locker das ebenfalls während des Transports abgefallene Rücklicht. Nach einem leckeren Abendessen – Leber mit Reis – und wohlversorgt mit Ohropax geht es ins Bett.

2.12.2009 Kampala – Fort Portal
Frühstück um 6.30 Uhr. Wir haben es eilig, da wir rechtzeitig zum Busbahnhof wollen, damit unsere Räder Platz in den Bussen bekommen. Gott sei Dank schieben wir, da Angelika keinen Gepäckträger hat und Birgit kein Rad. Das bedeutet zweimal Gepäck auf die anderen zu verteilen, eine ordentliche Fuhre. Der Busbahnhof ist nicht eingezäunt. Selbsternannte oder wirkliche Ordner weisen uns einen Platz zu – alle 5 Minuten einen anderen. Ich bekomme die leichte Aufgabe zugeteilt, beim Gepäck zu warten, während sich die Anderen um das Verladen der Räder kümmern. Wie stets ein Schauspiel der besonderen Art! Die Afrikaner haben nur wenig Gefühl für ein Fahrrad. Da werden die Pedale in die Speichen gekeilt, die Schaltungen aufeinander gestapelt und wenn es nicht passt, noch ein bisschen nachgetreten. Dann gilt es im Bus Plätze zu belegen. Um acht Uhr wären wir bereit zur Abfahrt. Aber, das ist nicht afrikanisch. Es gibt keinen Fahrplan, der Bus fährt ab, wenn er voll ist. Also üben wir uns in Geduld. Ich sitze genau über dem Fach, in dem unsere Räder sind, so kann ich sehen, wenn Gefahr droht und Beate in Marsch setzten. Das erste Mal rettet sie unsere Räder vor einem Riesenpaket mit Fischen, das 4 Männer kaum schleppen können. Sie waren der Meinung, dass unsere Räder eine gute Unterlage seien, doch Beate belehrte sie eines Besseren. Das nächste Mal bedroht eine Nähmaschine unsere Räder. Doch auch hier greift Beate ordnend ein. Um halb zehn geht es dann endlich los. Die Fahrt ist recht lang, da besonders zu Beginn viele Baustellen ein zügiges Fahren verhindern. Trotzdem ist die Reise kurzweilig. Es gibt viel zu sehen und ich habe eine nette Afrikanerin als Nachbarin, mit der ich mich unterhalten kann. Dann ist Fort Portal erreicht. Meine leise Hoffnung auf viele Ebenen rund um Kampala hat sich längst verflüchtigt und die Auf- und Abfahrt nach Kichwamba ist für mich mit dem Gepäck recht anstrengend.
In „Patricks Paradise“ gibt es einen Zwischenstopp. Dort erwarten uns kühle Getränke und ohrenbetäubende Musik, bei der man sich kaum unterhalten kann. Die Dorfjugend sieht sich Musikvideos an. Erst in der Dunkelheit fahren wir die letzten Kilometer zum Sozialprojekt, das die nächsten drei Tage unsere Heimat sein soll. Nun mache ich auch die Bekanntschaft mit dem Schlamm, der uns die nächsten Wochen begleiten wird.
Der Empfang ist sehr freundlich. Zwei kanadische Praktikantinnen und Bewohner des Projekts leisten uns beim Abendessen Gesellschaft. Es gibt – wie auch in den nächsten Tagen zum Lunch und Dinner Reis, Matoke (ein fester Brei aus Kochbananen), Süßkartoffeln, irische Kartoffeln, Bohnen und recht geschmacksneutrale Erdnusssoße. Für den Geschmack gibt es süßes und scharfes Ketchup.

3.12.2009 Kichwamba
Für diesen Tag ist zum Eingewöhnen eine Bergtour angesagt. Einige Buben aus dem Projekt begleiten uns. Nichts Böses ahnend mache ich mich auf den Weg. Schon bald wird mir klar, dass das keine kleine Tour ist, wie angekündigt. Der Berg sieht ganz sanft aus, aber in Afrika wurden die Serpentinen noch nicht erfunden, es geht direkt und sehr steil nach oben. Natürlich sind wir mal wieder zu spät losgekommen und in der Mittagshitze, Schatten gibt es kaum, gebe ich nach Dreiviertel der Strecke auf. Allerdings bin ich in guter Gesellschaft. Angelika und Klaus schließen sich an. Eigentlich wollen wir auf die Anderen warten, doch Regenwolken ziehen drohend herauf. Diesen Weg im Regen, sprich Matsch, wollen wir bergab nicht machen. So brechen wir auf und steigen möglichst rasch ab. Auch Beate und Birgit, die uns im Dorf einholen, haben das Ziel nicht erreicht. Aus Furcht vor dem Regen sind sie im Schweinsgalopp den Berg herunter.
Eigentlich bräuchten wir alle ein bisschen Zeit für uns: Körperpflege, organisieren, kennen lernen …, doch Patrick drängt. Wir sollen ins Paradise kommen. Er hat eine Musikgruppe für uns bestellt. Also auf die Räder und hinunter zu ihm. Die Vorführungen sind recht kurzweilig und teils faszinierend, teils unverständlich bis abstoßend, da recht sexistisch. Unverdrossen bauen die Musiker ihre Instrumente ab, als es anfängt zu schütten und bauen sie nach dem Guss wieder auf, um im Programm fortzufahren. Insgesamt haben wir es nicht bereut, auch wenn wir nun wiederum in der Dunkelheit durch den Matsch zum Projekt radeln müssen.

  

4.12.2009 Kichwamba
Eine „kleine“ Radtour zu den Höhlen von Amabere. Es ist saumäßig steil und matschig. Teilweise kann ich mich mit dem Rad nicht auf dem Pfad – mehr ist es wirklich nicht – halten. Ich wünsche mir ein Mountainbike. Da die Hoffnung zuletzt stirbt, fantasiere ich mal wieder vom 2. Teil der Reise, immer noch von den Ebenen, die da kommen sollen. Die Höhlen samt Wasserfall sind recht eindrucksvoll und der einheimische Führer erklärt uns immer wieder die Stalagmiten und Stalaktiten, die die Form von Brüsten haben sollen, eine Tatsache, die ihn besonders zu begeistern scheint. Und dann erzählt er in schauerlichem Englisch eine schauerliche Geschichte shakespearscher Dimension über den Mythos der Höhlen. Über so viel Verwicklung, Mord und Totschlag rutschte ich aus und setzte mich erst einmal in die Matsche.
Weiter geht es auf Trampelpfaden zu den Kraterseen von Saka. Wunderschöne Landschaft, traumhafte Aussicht. Da wir seit dem Frühstück nichts gegessen haben, knurrt der Magen ganz gehörig. Im nahen Markt gibt es wenigstens ein paar Bananen.
Nachts gehen tropische Regengüsse nieder. Ein Gewitter jagt das andere, mindestens drei Stunden lang. Es regnet in mein Bett. Leider merke ich es erst, als die auf dem Bett liegenden Sachen schon klatschnass sind. Zum Glück sind wir nur zu dritt in der Viererrundhütte und ich kann ausweichen.

5.12.2009 Kichwamba – Semliki-Nationalpark
Heute soll es die erste richtige Radtour geben, angeblich viel bergab. Für die ersten 13 Kilometer stimmt das auch. Doch die Abfahrt ist gar nicht so einfach. Die Steinpiste erfordert die ganze Konzentration und immer wenn ich doch über einen Felsbrocken rattere, habe ich Angst, dass mir mein Rad um die Ohren fliegt. Vom vielen Bremsen bekomme ich Krämpfe in den Händen. Trotzdem macht es viel Spaß. Dann ist die Talsohle erreicht und nun gilt es einen Pass hinauf zu fahren. Da wir nur mit halbem Gepäck fahren, geht es einigermaßen. Beate erweist sich hier als wahrer Motivationskünstler. Mit Hinweisen wie „Atmung kontrollieren!“, „Bis zu dem Baum schaffst du es noch!“ oder „Das waren jetzt 7% Steigung!“ gelingt es ihr mich hinaufzubeten. Und oben kann ich tatsächlich ein bisschen stolz sein. Mein erster Pass und kaum geschoben!
Und juppheidi, schon geht es wieder hinunter. Unterwegs stoßen wir noch auf eine große Affenfamilie, die sich vor uns rechts und links in die Büsche schlägt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, die Bilder, die man aus dem Fernsehen kennt, nun auch in natura zu erleben. Am Ziel, einer schön gelegenen Lodge, haben wir mal wieder nichts zu essen – das versprochene Lunch fällt aus – und auch kaum noch Wasser. Also nochmals los und ein paar Kilometer weiter ins nächste Dorf. Telefonisch bestellt Patrick unser Essen. Als wir hören, „Reis, Matoke, Bohnen …, fangen wir an zu protestieren. Wir wollen heute Fleisch!! Leicht irritiert bestellt Patrick nun Huhn und Reis.
Dann gibt es erst einmal eine Führung durch den Nationalpark zu den heißen Quellen bei Sempaya. Faszinierend, was es da an Früchten und Blüten auf dem Boden zu sehen gibt. Auch Affen können wir hören und sehen. Über lange Bretterstege bewegen wir uns über den Sumpf auf die Quellen zu und können in der Ferne schon ihren Dampf aufsteigen sehen. Auch der Geruch nach Schwefel kündet bereits das Ziel an. Der Führer erklärt uns den Ritus nach dem bis heute die Männer und Frauen der Umgebung ihre Gebete verrichten und Opfer bringen. Erst einmal getrennt – es gibt female und male Quellen – später feiern sie dann gemeinsam weiter.
Am Abend kommt eine Köchin mit „Staff“, so stellt sich der junge Mann mir vor. Es stellt sich heraus, dass er Jäger ist und ich unterhalte mich lange mit ihm. Und dann kommt das ersehnte Abendessen. Die Köchin hat uns ein Suppenhuhn mit Reis zubereitet, eine wahre Wonne. Wir kriegen uns nicht ein vor Begeisterung. Leider fällt die gemütliche Runde am vorbereiteten Lagerfeuer dem Regen zum Opfer.
Nachts wache ich vom Piepen meines Handyweckers auf. Da ich sonst immer lange vor der Zeit wach bin, fahre ich entsetzt hoch und wundere mir sehr, dass es noch so dunkel ist. Ein Blick auf die Uhr zeit 2.00 Uhr. Empört kontrolliere ich das Handy. Doch das ist eindeutig auf 6.00 Uhr gestellt. Da piept es schon wieder. Ich halte das Handy ans Ohr und stelle fest, von da kommt der Weckruf nicht. Des Rätsels Lösung ist dann ganz einfach. Ein unbekannter Vogel macht diesen Lärm mal lauter, mal leiser, je nachdem, wie nahe er gerade ist. Er hält mich noch eine ganze Weile wach.
Für mich ist klar, zurück fahre ich mit dem Pickup. Zwei Pässe muss ich nun wirklich nicht haben!

6.12.2009 Semliki – Kichwamba
Die Fahrt mit dem Van erfolgt mit vielen Pausen, da wir unterwegs immer wieder auf die Radler warten, für den Fall dass noch jemand schwächelt. Dies ist jedoch nicht der Fall und nach der letzten Pause auf dem mittleren Pass fahren wir durch bis Kichwamba. Dann geraten wir in eine Verkehrskontrolle. Ein junger Polizist tritt an den Wagen, sieht Angelika und mich und sagt dann: „Wir freuen uns über Besuch und zu unseren Besuchern sind wir freundlich. Sie können weiterfahren.“ Da lassen wir uns nicht lange bitten.
Als ich Bob frage, nach was gesucht wird, Waffen oder Drogen, lacht er und erklärt, dass eine besondere Sorte von Fischen, deren Fang verboten ist, häufig in den Kongo verschoben wird. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das glauben will. Auch andere interessante Dinge erfahren wir von ihm. So berichtet er dass in den Bergen ein Stamm wohnt, der erst kürzlich herunterkam und urbares Land in der Ebene forderte. Der König allerdings verweigerte dies. So leben sie weiter in den Bergen, aber sie sind nicht gerne dort, da die Landwirtschaft an den steilen Hängen sehr beschwerlich ist. (Ich vermute mal, dass sie es immer wieder versuchen werden.)
Benzin kostet in Uganda ca. 1 Euro pro Liter, das ist unglaublich teuer. Wohl auch ein Grund, dass es so viele „Flaschentankstellen“ gibt und alle Motorräder und Mopeds bergab immer den Motor abstellen. Ein Auto, das etwa 10 Jahre alt aus dem Ausland eingeführt wird, gilt in Uganda als neu. Auf meine Frage, wie lange ein Auto hält bei diesen katastrophalen Straßenverhältnissen, hält sich Bob bedeckt. Als wir einen Pannen-LKW im Straßengraben sehen und ich wissen will, wie lange es dauert, bis Hilfe kommt, kann er nur lachen. Organisierte Hilfe, wie bei uns, gibt es nicht. Hier ist jeder auf sich selbst und seine Freunde bzw. Verbindungen angewiesen. In Uganda hilft man sich gegenseitig.
Als wir in Kichwamba ankommen droht schon wieder ein schweres Gewitter. Zum Glück kommen unsere Radler gerade noch trocken heim, ehe es wieder schüttet. Ein Tag ohne Regen wäre zur Abwechslung auch mal ganz nett.

  

7.12.2009 Kichwamba – Nkingo
Die Nach war fürchterlich. Ein weinendes Baby, bellende, heulende, winselnde Hunde lassen mich kaum ein Auge schließen. Entsprechend müde bin ich am nächsten Morgen. Es regnet und es ist auch stark neblig. Das lässt uns für den Straßenzustand nichts Gutes ahnen. Immerhin hört es bis zum Start auf zu regnen. Wir fahren via Patricks Paradise nach Fort Portal, wo wir den nächsten Regenschauer in einem Cafe absitzen und dann endlich in Richtung Kibale-Nationalpark aufbrechen. Natürlich ist es mit der Ebene mal wieder nichts. Munter geht es bergauf und bergab aber nur so steil, dass auch ich es – mal wieder mit Beates Unterstützung – ganz gut schaffe, da ich mein Gepäck mit dem Auto vorausgeschickt habe. In einer herrlich gelegenen Lodge oberhalb eines Kratersees gibt es ein vorzügliches Lunch und Affen zum Abwinken. Die kleinen Kerle turnen ums Haus, auf den Bäumen, auf der Terrasse und kommen uns so nahe, dass ein Sohn des Hauses sie mit einem Stock vertreiben muss. Zum Schluss gelingt es ihnen sogar, unsere Nachtischbananen von Tisch zu klauen.
Frisch gestärkt geht es weiter durch den Nationalpark nach Nkingo. Auch hier treffen wir auf viele Affen.
Das Nkingo-Hotel wird von einem jungen Paar geführt. Er fährt fleißig mit dem Rad Wasser heran, sie erweist sich als vorzügliche Köchin. Auch hier wohnen wir in Rundhütten, peinlich sauber und sehr schön gelegen.
Am nächsten Morgen soll es eine Führung durch den Nationalpark geben. Wir sitzen mal wieder im Regen fest und können erst am späteren Vormittag starten. Zum Glück bekommen wir Gummistiefel für den ca. 3-stündigen Rundgang. Mir ist das ganz recht, denn meine Schuhe werden gar nicht mehr trocken.
James unser Führer hat ein gut geschultes Auge und zeigt uns viele Affen und Vögel, wo wir gar nichts vermuten würden. Nach dem kalten und nassen Vormittag wird es nur sehr heiß und schwül. Beate, die nicht mitgegangen war, hat in der Zwischenzeit ein Superessen organisiert: Hühnchen mit Spaghetti und Soße – ein Gedicht.
Wir besuchen noch einen Erdnussladen und möchten eigentlich die Produktion anschauen. Aber leider arbeiten die Maschinen heute nicht. Erst morgen ist eine Besichtigung möglich. Ich kaufe ein Glas Erdnussbutter um „die örtlichen Bauern zu unterstützen“, wozu das Schild vor der Tür auffordert.

9.12.2009 Nkingo – Rweteera
Ich entschließe mich, nicht mit zur Erdnussfabrik mitzugehen. Ich will lieber vorausfahren, um die anderen nicht zu sehr aufzuhalten. Komme auch relativ gut an, aber insgesamt ist das keine Tour für mich. Die Bandas (so heißen die Rundhütten) in der Lodge sind komplett eingerichtet, mit Stuhl, Tisch, Strom, Papierkorb – eine Seltenheit in Uganda – Toilettenpapier, passendem Moskitonetz, also Luxus pur. Schnell duschen und Wäsche waschen, dann machen Beate, Birgit und ich einen Spaziergang entlang des Sees. Es ist traumhaft schön und ruhig.
Wir freuen uns schon auf das Abendessen. Es soll Fische aus dem See geben. Sie erweisen sich leider als Flop. Nicht einmal handtellergroß, bestehen sich fast nur aus Haut und Gräten. Der Geschmack ist allerdings sehr gut. Dafür bekommen wir aber noch Maiskolben, Fleisch und die üblichen Sättigungsbeilagen.
Es ist der erste Tag ohne Regen!

10.12.2009 Rweteera – Kasese
Dieser Tag geht als die „Schlammschlacht“ in unsere Erinnerung ein. Den ganzen Tag regnet es und die Piste ist in einem entsprechenden Zustand. Es ist so glitschig, dass ich teilweise sogar bergab schieben muss, da ich weder das Rad noch mich selbst auf dem Weg halten kann. So weiche ich denn auf recht sparsam vorhandene Grasstreifen aus. Zu allem Überfluss handelt es sich hier auch nicht um europäischen Schlamm, der zwar hoch- aber immerhin wegspritzt. Nein, dieser afrikanische Schlamm geht sofort eine innige Verbindung mit Rahmen und Reifen ein. Das heißt dann mit einem Stöckchen wieder einen Zwischenraum zwischen Schutzblech und Reifen frei zu kratzen damit – bis zum nächsten Mal – das Rad wieder bewegt werden kann. 20 Kilometer lang hält diese Qual an.
Als der Regen nahtlos in einen Wolkenbruch übergeht, suchen wir Schutz in einem Dorf auf der Strecke und versuchen uns mit einem Zitronengras – Tee – Kaffee – Gebräu ein wenig aufzuwärmen, von Trocknen wollen wir erst gar nicht reden. Wie stets sind wir das Ereignis des Tages. Die Kinder scharen sich eng um uns und lachen über unsere verdreckten Räder. Aber auch die Erwachsenen, vor allem die Halbwüchsigen im „Lokal“, versuchen auf unterschiedliche Weise anzubandeln. Beate verschafft einem der Buben die sicherlich sehr seltene Möglichkeit, sich Geld zu verdienen, indem sie ihm 1.000 Schilling verspricht, wenn er ihr Rad putzt. Sehr gewissenhaft verrichtet er seinen Job. Das hat zur Folge, dass sich die Mädchen an mich heranmachen und meinen: „Grandma, wenn du mir Geld gibst, dann wasche ich dein Rad.“ Einerseits hätte ich es den Mädchen vergönnt, andererseits sehe ich keinen Sinn darin, denn die Schlammschlacht ist ja noch nicht zu Ende. Irgendwie ist mein Gehirn von Nässe und Kälte so gelähmt, dass ich das Angebot ablehne. Heute tut es mir Leid.
Als wir endlich die geteerte Hauptstraße nach Kasese erreichen, ist meine Bremse alle. Es klingt verdammt nach Metall auf Metall. Die anderen trösten mich und meinen, da sei wohl Dreck auf den Belägen, der würde sich schon noch herausfahren. Ich will es gerne glauben und plage mich redlich weiter bergauf und bergab, allerdings nun auf befahrbarer Straße. Als wir erleichtert vor unserem Hotel, dem „Weißen Haus“ ankommen, trauen wir uns erst einmal gar nicht hinein und bitten die freundliche Empfangsdame um einige Eimer Wasser, damit wir das Gröbste vor dem Haus abwaschen können. Mit einem milden Lächeln verweist sie uns jedoch nach drinnen. Nun denn, wenn sie es nicht anders wollen. So schieben wir, schwarze Spuren auf den weißen Fliesen hinterlassend, in den Innenhof. Dort gibt es eine in den Boden eingelassene große rechteckige Wanne mit fließendem Wasser. Als erstes stellen wir die verdreckten Packtaschen hinein und schrubben sie ab. Die gleiche Prozedur lassen wir unseren Schuhen angedeihen. Schließlich spülen wir auch noch unsere Beine ab, damit wir die Zimmer betreten konnten. Als nächstes organisieren wir einen Helfer, der gegen Bezahlung unsere Räder reinigen soll. Beate zeigt ihm noch die neuralgischen Stellen im Bereich der Schaltung, doch wie sich später weisen sollte, nur mit geringem Erfolg.
Als ich kurze Zeit später die Dusche aufsuche, sehe ich, dass der gesamte Eingangsbereich des Hotels frisch geputzt wird. Arbeitskräfte sind in Afrika wohlfeil!

  

11.12.2009 Kasese – Mweya (Queen – Elizabeth – Nationalpark)
Die nächste Etappe zum Nationalpark passt auch für mich einigermaßen. Die Kinder rund um Kasese kreischen im höchsten Diskant „How are you?“ und wenn sieben dastehen, wollen auch sieben ihre eigene Antwort. Viele betteln unverhohlen, einige sind recht dreist. Manchmal kann ich sie kaum ertragen, bemühe mich aber stets fröhlich zu antworten.
Die Landschaft wandelt sich zur Savanne und in der Ferne sind bereits die ersten Büffel und Elefanten zu sehen, natürlich auch viele Vögel. Unterwegs überqueren wir den Äquator. Das ist einerseits völlig unspektakulär, nur ein Betonkreis mit Aufschrift kündet davon, auf der anderen Seite ist es ein seltsames Gefühl, auf der Mitte der Erdkugel zu stehen.
Am Nachmittag ist eine Bootsfahrt auf dem Kazinga-Kanal zwischen dem Lake George und dem Lake Edward angesetzt. Das ist für mich das bisherige Highlight! Hunderte Hippos prusten um uns herum, tauchen auf, schauen uns vermeintlich an und tauchen wieder ab. Wahre Urweltkolosse sind das. Hunderte Wasserbüffel stehen am Ufer, suhlen sich im Schlamm oder schwimmen im seichten Wasser. Bei ihnen bin ich mir nie ganz sicher, wer hier wen anschaut. Tausende Vögel können wir aus nächster Nähe betrachten. Krokodile dösen mit aufgerissenem Maul am Ufer. Es ist unheimlich schön und spannend. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug.
Auf dem Schiff lernen wir Markus kennen, einen Studenten aus München. Er bietet uns zwei Plätze in einem Taxi an zum „game watching“. Da gibt es kein langes Überlegen, Beate und ich schlagen zu. Ohne Pause, das Taxi wartet bereits an der Anlegestelle, geht es nochmals in den Nationalpark. Da gibt es dann Elefanten, so nahe, dass mir schier mulmig wird, Antilopen und Büffel und ganz zum Schluss, nur wenige Minuten vor der Lodge, den absoluten Knaller: Zwei alte und zwei junge Leoparden, mitten auf der Straße. Sie haben es überhaupt nicht eilig! Die Jungen beobachten uns aus sicherer Entfernung aus dem hohen Gras heraus, die beiden Alten bewegen sich unschlüssig vor uns auf der Piste. Leider ist es schon zu Dunkel zum Fotografieren.
Heute schon wieder kein Regen!

12.12.2009 Mweya – Ndekye
Am frühen Morgen geht es zurück durch den Nationalpark, wo wir Mangusten, Affen, Antilopen, … sehen, wieder bis zur Teerstraße die sich durch die fruchtbare Landschaft windet.
Als wir unser Ziel erreichen, ist Patrick sehr geknickt. Seine bestellten Zimmer sind nicht verfügbar. Die Madame, mit der er die Reservierung ausgemacht hat, ist auf einer Hochzeit. Mit ihrer rechtzeitigen Rückkehr ist nicht zu rechnen. So fahren wir ein Stück den Berg hinab ins nächste Dorf. Wir haben die Wahl zwischen schlechten Betten in schmutzigen Zimmern aber mit Dusche und guten Betten dafür jedoch Dusche nur aus dem Eimer. Da gibt es nichts zu überlegen. Die Dusche aus dem Eimer, ist ohnehin kein Problem, zumal der „Eimer“ ein Wasserhahn in Kniehöhe ist. Damit kann man sich ganz gut arrangieren.
Unsere Wanderung zur Teeplantage fällt dem Regen zum Opfer.

13.12.2009 Ndekye – Kashenyi
Den Großteil der Strecke bis Ishaka fahren wir auf der Teerstraße. Ohne Gepäck und mit dem neu gefundenen Rhythmus geht es passabel. Unterwegs besuchen wir eine Teefabrik. Wir werden sehr freundlich und gestenreich von einem der Teetester empfangen, bekommen weiße Kittel und dürfen – teilweise mit Atemschutz – den Weg des Tees von den Blättern in Säcken über waschen, trocknen, zerkleinern, fermentieren, sortieren und wiederum in Säcke abfüllen, verfolgen. Sogar fotografieren ist ausdrücklich erlaubt. Insgesamt ist der Besuch sehr beeindruckend und interessant.
Dazu haben wir wieder einmal Glück. Der tägliche Regenschauer geht während der Besichtigung nieder und mit den letzten Tropfen suchen wir die Teeverkaufsstelle auf. Die Weiterfahrt nach Ishaka ist dann trocken. Dann kommen noch einmal 5 Kilometer dirt road nach Kashenyi. Die Zimmer im Resthouse sind ordentlich.
Die Menschen hier sind recht zurückhaltend. Sie sprechen kaum Englisch, sodass die Verständigung sehr erschwert ist. Sie tauen aber auf und schenken einem ein strahlendes Lächeln wenn man sie in ihrer Sprache begrüßt, wie wir es von Patrick gelernt haben. „Agandi“ oder „oli oyta“ sind wahre Türöffner. Schade, dass es dann wegen fehlender weiterer Worte auch gleich wieder vorbei ist. Den durchschlagendsten Erfolg mit den Grußformeln habe ich bei den schreienden Kindern, deren Stimmen sich fast überschlagen. Begrüßt man sie in ihrer Sprache, verstummen sie schlagartig und ein Chor ruft einstimmig niaou oder dijei (oder wie man das schreibt) und dann brechen sie in freudiges Gelächter aus.
Als wir am Nachmittag bei einem Ankommensgetränk vor einem Lokal sitzen, spielt sich ein richtiges Schauspiel ab. Eine Gruppe Kinder, die wir vergeblich zu einem Foto überreden wollen, produzieren sich auf der anderen Straßenseite indem sie – stets mit einem Blick auf uns – sich balgen oder tanzen. Vor allem die Mädchen tun sich hervor. Dann erfolgt die erste Mutprobe. Eines der Mädchen nimmt einen Korb auf den Kopf, überquert die Straße und läuft vor unseren Augen mehrmals auf und ab. Nach einer Weile wird eine Mutter zu Hilfe geholt. Auch wenn wir natürlich nichts verstehen bzw. hören können, die Gesten sind eindeutig. Die Mutter redet dem Kind zu, übt sichtlich etwas mit ihm ein und nach einigem Zögern überquert die Kleine die Straße, läuft auf uns zu, ruft „agandi“ und ist in Windeseile wieder verschwunden. Wir haben viel Spaß miteinander.
Zum Abendessen führt uns Patrick in einen Hinterhof, der auf den ersten Blick nicht sehr viel versprechend wirkt. Doch, man sollte sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen lassen. Wir werden äußerst freundlich empfangen und dann wird ein vorzügliches Essen mit schmackhaft zubereitetem Ziegenfleisch aufgetragen.
Danach gehen wir noch auf einen Schlummertrunk ins Resthouse zurück. Da fährt ein SUV vor, dem auffallend gut gekleidete Erwachsene und Kinder entsteigen. Der Fahrer des Wagens erkundigt sich eingehend nach unserem Woher und Wohin und stellt sich schließlich als Eigentümer des Hauses vor. Es stellt sich heraus, dass die Familie mit Freunden Kindergeburtstag feiert. Wir singen mit bei „Happy birthday“ und bekommen später noch einen Teller mit Geburtstagskuchen. Sehr lecker!
Patrick will, dass ich morgen mit dem Taxi fahre, da eine schwere Etappe auf uns wartet, die bei Regen schwierig zu befahren sein wird. Nachdem er die Strecke und mich kennt will ich schon „ja“ sagen, denn er hat mir richtig Angst gemacht. Da schaltet sich Beate ein. „Wir nehmen dein Gepäck und du schaffst das!“, erklärt sie kategorisch. Nach längerer Diskussion ist auch Patrick der Meinung, dass ich das schaffe. Beate ist schon ein toller Kamerad. Trotzdem ist mir einigermaßen bange vor morgen, was mich allerdings nicht davon abhält, wie eine Tote zu schlafen.

 

14.12.2009 Kashenyi – Rukungiri
Es regnet nicht! Ob das gut ist für mich oder nicht, weiß ich leider noch nicht. Also gebe ich mein Gepäck ab und schwinge mich aufs Rad. Die Straße – die Rumpelpiste verdient diese Bezeichnung überhaupt nicht – besteht nur aus Steinen und tiefen Rinnen und es geht sehr steil rauf und runter. Dazu kreischen meine Bremsen nervenzerfetzend. Nach Möglichkeit bremse ich nur mit der Hinterradbremse, was ganz schön Kraft kostet und nicht immer ausreicht. Wenigstens wird mein Kommen jeweils bemerkt. Dank Beates Tipps schaffe ich es von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen ohne Absteigen. Wenn ich vergessen kann, dass die Anderen mein Gepäck fahren, bin ich sogar ein bisschen stolz auf mich. Es waren immerhin 50 Kilometer und 1.000 Höhenmeter.
Patrick ist mir ein treuer Begleiter, aber die anderen – außer natürlich Beate, die einfach in einer anderen Liga fährt – sind auch nicht viel schneller. Birgit ist ein wahres Kraftpaket. Mit dem Leihrad und dem gesamten Gepäck stampft sie sich nach oben und hat auch noch die Nerven, unterwegs zu fotografieren. Irgendwie ist es witzig, wie wir beide uns ergänzen. Weil Birgit so oft zum Fotografieren stehen bleibt, bin ich nur selten die Letzte und weil ich eher langsam bin, fällt es nicht so auf, wenn sie wegen der Fotos zurückbleibt.
Am Nachmittag bekomme ich dann eine dicke Belohnung. Weil alle anderen verschwunden
sind, machen sich Beate und ich uns alleine auf zu einem Stadtbummel und stoßen auf ein „Ban Cafe“ in dem es „Katogo“ gibt. Neugierig geworden studieren wir die Karte und finden heraus, dass es sich hier um die ugandische Version von „coffee to go“ handelt und entdecken zu unserem Entzücken dass auch Cappuccino angeboten wird. Da müssen wir beiden Kaffeetanten nicht lange überlegen. Es dauert zwar ewig bis wir ihn bekommen, aber er erfüllt alle Wünsche. Leider müssen wir ihn recht schnell trinken um nicht zu spät zum Abendessen zu kommen. Nachdem es heute mal wieder kein Lunch gegeben hat, möchte ich keinesfalls darauf verzichten.
Beim Abendbrot schwärmen wir den anderen so lange von unserem Cappuccino vor, dass wir Patrick – zwar mit Mühe – überreden können, dort morgen zu frühstücken. Auf dem Rückweg ins Hotel gehen wir nochmals am Cafe vorbei und bestellen schon mal. Die Bereitschaft ist riesengroß. Die Angestellten wollen sogar extra für uns früher öffnen, damit wir rechtzeitig starten können.
Zweifelnd doch voller Vorfreude, Patrick mit deutlichem Unbehagen, machen wir uns auf Heimweg. Alles umsonst!!! Als wir am nächsten Morgen kommen ist das Lokal geöffnet, ein opulenter Früchteteller erwartet uns und auch der Cappuccino geht heute schneller.
Ich baue noch schnell meine Bremsen aus, um endlich den Dreck von den Belägen zu entfernen. Ja von wegen! Mein Gehör hat mich nicht betrogen: Metall auf Metall. So kann ich nicht weiterfahren. Da es in Rukungiri keinen Radlmechaniker gibt, bekomme ich ein paar gebrauchte Bremsklötze von Patrick. Klaus hilft mir beim Montieren und Nachstellen der Bremse.

15.10.2009 Rukungiri – Kisiizi
Heute ist Tag der Reparaturen. Nach meinen Bremsen am Morgen, löst sich unterwegs der Ständer an Birgits Rad und schlägt beim Fahren ständig am Boden auf. Unter reger Anteilnahme der Bevölkerung gelingt es Klaus mittels eines Hölzchens, das er dazwischen klemmt, den Ständer wieder etwas zu stabilisieren. Für die nächsten 30 Kilometer hält es. In Kisiizi ist dann eine Totaloperation dran. Sehr mühevoll, weil die Schrauben verklemmt sind, entfernt Klaus das gute Stück. Birgit hat ab sofort auch ein „Liegerad“ wenn wir anhalten. Als nächste ist dann Beate dran. Ihre Packtaschenhalterung war der Dreifachbelastung durch die Rüttelstraßen, ihren flotten Fahrstil und dem zusätzlichen Gewicht durch meine Tasche nicht gewachsen, und war ausgebrochen. Klaus hilft auch dieses Problem zu lösen und Patrick muss nun meine Tasche nehmen.
Recht schwierige Strecke, weniger wegen der Steigungen als viel mehr wegen des sehr schlechten Zustandes der Piste. Immerhin kann ich wieder geräuschlos bremsen. Bis Mittag läuft es ganz gut. Dann setzt Regen ein. Während wir uns noch die Regenjacken anziehen fängt es gleich richtig an zu pladdern. Angelika, Klaus und ich stehen unter einem mickrigen Avokadobäumchen, das nur insoweit schützt, als es den Regen erst mit einiger Verzögerung durchlässt. Patrick, der nur wenige Meter von uns entfernt steht, ist plötzlich sang- und klanglos verschwunden. Ratlos schauen wir uns an. Heißt das nun, dass wir trotz Regen weiterfahren oder dass es in der Nähe ein Dorf mit Unterstellmöglichkeit gibt. Wir beschließen den allerärgsten Guss abzuwarten und dann auf eigene Faust einen besseren Schutz zu suchen. Doch bis dahin vergeht fast eine halbe Stunde und wir sind bereits klatschnass. Zu unseren Füßen bildet sich ein kleiner Bach, der unsere Füße bald erreichen wird.
Immer wieder schaue ich nach vorne. Ich warte darauf, dass Patrick kommt und uns holt oder eine andere Anweisung gibt.
Kurz entschlossen brechen wir auf, und schon nach wenigen hundert Metern naht die Rettung. Ein Rohbau, bereits eingedeckt steht neben der Straße und in der Tür steht Birgit, die uns anruft. Ich bin stinksauer und sage es Patrick auch recht direkt. Er jedoch ist
-zumindest äußerlich, wenig beeindruckt, bleibt auf seinem Sack in der Ecke sitzen und schläft ein. Da wir vor allem an den Füßen sehr nass sind, fangen wir an zu frieren und es scheint unendlich lange zu dauern, bis es aufhört zu schütten. Nach einem Fehlversuch – wir standen schon abmarschbereit auf der Straße als es wieder von neuem anfing zu regnen, können wir endlich weiterfahren.
Nun gibt es natürlich wieder eine Schlammschlacht. Ich merke, wie durch die Kälte und Nässe und wohl auch durch Hunger alle Kraft und Motivation verschwunden sind. So quäle ich mich denn die letzten 20 Kilometer weiter nach Kisiizi.
Bei unserer Ankunft gegen halb fünf gibt es im Resthouse „Rose“ ein gutes, tröstendes Essen und der Ärger macht der Erleichterung Platz, nachdem es auch endlich aufgehört hat zu regnen. Dann suchen wir unsere Unterkunft in den Rundhütten auf. Hier genieße ich die erste wirklich warme Dusche, eine Rettung. Nachdem wir unsere nassen Sachen vor die Hütte geräumt haben, in der Hoffnung, dass sie in den letzten Sonnenstrahlen vielleicht doch noch ein bisschen trocknen, lege ich mich ins Bett, um mich aufzuwärmen.
Beim wieder hervorragenden Abendessen lernen wir noch eine englische Volontärin kennen, die im Krankenhaus arbeitet und David, der einst für 8 Monate kam und nun seit acht Jahren hier in Kisiizi lebt.
Unser „Schlummerbier“ trinken wir in unserer Rundhütte bei einem gemütlichen Gespräch.

16.12.2009 Kisiizi (Ruhetag)
Heute ist Ruhetag. Das ist genau der richtige Zeitpunkt und ein wundervoller Ort dafür. Die Rundhütten liegen in einem prächtig angelegten Park mit vielen Blumen, gegenüber rauscht ein Wasserfall, das Essen im nahe gelegenen Guesthouse ist prima und es herrscht himmlische Ruhe. Das Frühstück ist göttlich: Milchkaffee, Toast, Honig, fast wie daheim.
Die Anderen haben gestern noch gewaschen. Die Sachen hängen fast noch so nass wie am Abend unter dem Dach. Es sieht aus bei einem afrikanischen Straßenhändler. Ich mag nicht mehr und wasche nur schnell meine Radhose. Bei mir gibt es ab sofort nur noch die relative (saubere) Kleidung. Ich mag auch nicht mehr mit auf den Berg gehen, der als Aktion zur Debatte steht. Ich will diesen Tag für mich haben und mich wirklich ein bisschen ausruhen. Nach der Besorgung der Biervorräte für abends, ziehen Beate und Birgit als einzige los, um in Begleitung einer Mitarbeiterin des Guesthouses den Gipfel zu stürmen. Bin ich froh! Um 11 Uhr geht wieder ein Gewitterguss nieder, der mehrere Stunden anhält. Beate und Birgit kommen gegen Mittag mit zwei riesigen Regenschirmen aus dem Guesthouse zurück.
Gegen 15 Uhr – es hat inzwischen aufgehört zu regnen – brechen wir auf, um das benachbarte Krankenhaus zu besichtigen. Es ist ein sehr großes Krankenhaus, das für den gesamten Bezirk zuständig ist. 200 Betten gibt es und in der Ambulanz sind täglich bis zu 500 Patienten zu betreuen. Zum einen ist es schon beeindruckend zu sehen wie viele Spezialabteilungen es hier gibt, nahezu das gesamte medizinische Spektrum wird abgedeckt, zum anderen sind die herrschenden Verhältnisse nicht mit unseren zu vergleichen. Unsere Führerin will uns auch in die Patientenbereiche begleiten. Es ist uns nicht möglich ihr verständlich zu machen, dass wir die Intimsphäre der Patienten wahren möchten. Sie hat für unsere Erläuterungen nur ein verständnisloses Lachen übrig.
Auffallend: Die Abteilung für Aidsberatung heißt hier „Hope Ministery“
Da meine Schuhe und Socken immer noch nass sind, laufe ich den ganzen Tag in meinen Flipflops, in dem Matsch ein teilweise sogar gefährliches Unterfangen. Vor allem ist es eine kalte Angelegenheit und ich friere den ganzen Tag leise vor mich hin. Irgendwie habe ich mir Afrika immer wärmer vorgestellt.
Nach der Besichtigung raffen wir uns trotz Kühle zu einem „Dämmerschoppen“ auf. Zur Steigerung der Gemütlichkeit zünden wir sogar noch Kerzen an. In anregenden Gesprächen bringen wir so die Zeit bis zum Abendessen hin. Das ist wieder ausgezeichnet, wie stets im Guesthouse „Rose“. Am besten schmeckt der Nachtisch, Rhabarberscramble. Ich muss mal im Internet nachschauen, ob ich dazu ein Rezept finde!

17.12.2009 Kisiizi – Ntungamo
Natürlich gibt es wieder das Superfrühstück. Da kann wohl nicht mehr viel schief gehen.
Frisch gestärkt machen wir uns auf den Weg. Es ist wieder eine klassische Mountainbikestrecke und ich fürchte mal wieder um mein Rad. Bin richtig gespannt, ob ich es noch heil nach Hause bringe. Die Landschaft ist traumhaft schön. Sogar ich halte ein paar Mal an um zu fotografieren. Es ist wirklich wie in der Schweiz. Bei den heißen Quellen machen wir eine kurze Bananenrast und radeln dann weiter. Etwas später besichtigen wir noch eine Milchsammelstation. Die Betreiber fühlen sich durch unser Interesse geehrt und zeigen stolz die Anlage, besonders natürlich wieder die Maschinen.
Erstaunlich, wie dicht besiedelt das Land ist. Überall ist jemand, wird gearbeitet, Vieh gehütet oder einer anderen Beschäftigung nachgegangen. Zunächst sieht man niemanden und dann ertönt über, unter, vor, hinter oder neben einem der Ruf: How are you? Manchmal erschrecke ich direkt, denn ich habe weit und breit keine Menschenseele gesehen. Da auch die Erwachsenen und Halbwüchsigen sehr stark reagieren und mir etwas nachrufen, lasse ich mir von Patrick berichten, was sie da so rufen. Er erklärt mir dass es überwiegend Erstaunens- und Bewunderungsrufe sind. Es scheint nach dem Muster zu verlaufen, erster Blick: msungu Weiße), zweiter Blick: Frau (nachdem in Uganda Frauen nicht Rad fahren, eine Sensation), dritter Blick: Grandma, donnerwetter!
Im Dorf am Beginn der Teerstraße gibt es Lunch. Für uns werden frische Pfannkuchen gebacken, die mit Zucker bestreut ein Gedicht sind.
Beim näheren Betrachten stellt es sich heraus, das wir in einer (Sarg-) Schreinerei gelandet sind. Der Inhaber der Werkstatt, der zugleich noch Lehrer ist und einige Lehrlinge beschäftigt unterhält sich mit uns. Anschließend führt er uns noch in seine Werkstatt und zeigt voll Stolz die von ihm gefertigte Möbel und vor allem seine Maschinen. Und dann lenkt er das Gespräch auf Deutschland, will unsere Adressen haben, damit er uns besuchen kann. Das ist natürlich ein heißes Terrain und ich bin froh, als Patrick zum Aufbruch mahnt.
Nun geht es noch 19 Kilometer auf der Teerstraße weiter bis Ntungamo. Wir beziehen ein recht neues, sehr ordentlich Hotel.

18.12.2009 Ntungamo- Mbarar
Gestern Abend hat mir mein Handy den Dienst aufgekündigt. Als ich es herausnehmen will, um wie jeden Abend eine SMS zu schreiben, verlangt das Display die Superpin. Die liegt in Deutschland in meinem Schreibtisch. Keine Ahnung, was da passiert ist. Als ich eine Weile herumprobiere erscheint auf dem Display: „Pin gesperrt!“ Super!
Heute weckt uns der Muezzin, gnädiger Weise erst im sechs Uhr. Nach dem Frühstück geht es zur letzten Fahrt mit dem Rad für 67 Kilometer auf die Asphaltstraße. Die anderen jammern, dass es so ermüdend und langweilig ist. Ich bin aber ganz froh. Natürlich ist es auf den Pisten durch das Land schöner, aber eine glatte Straße ist auch nicht zu verachten. Und die schöne Landschaft sehen wir auch von der Straße aus. Außerdem ist der Streifen für die Radfahrer in teilweise abenteuerlichem Zustand, sodass auch hier wieder volle Konzentration gefordert ist. Zum Glück hält sich der Autoverkehr in Grenzen.
Man merkt schon die Nähe der Stadt. Die Dörfer sehen gepflegter aus, die Märkte sind gut bestückt und liebevoll aufgebaut. So radeln wir vorbei an saftigen Wiesen und Feldern einer Seenlandschaft, hübschen Gärten und einer phantastischen Kulisse.
In Mbarara angekommen gönnen wir uns erst einmal ein kühles „Stoney“, eine Ingwerlimonade, die ich hier kennen und schätzen gelernt habe, weil sie nicht ganz so süß ist wie Cola. Und dann staunen wir über die vielen Marabus die rundum auf den Dächern sitzen. Vor dem Lokal ist ein Minimarkt an dem lauter Zwiebeln, dekorativ zu Sträußen gebunden verkauft werden. Jedes Auto das anhält, wird sofort von mehreren Händlerinnen umringt. Teilweise machen sie ein recht gutes Geschäft.
Patrick macht sich derweil auf, um eine Unterkunft zu suchen. Er quartiert uns in einem nagelneuen Hotel ein, das beinahe schon westlichen Standard aufweist. Geschmackvoll eingerichtete Zimmer, kunstvoll drapiertes Moskitonetz, Strom, Fernseher, warmes Wasser kurz, alles was das Herz begehrt.
Von der Terrasse aus beobachten wir das muntere Treiben der Stadt. Die Menschen sind gut gekleidet, die Frauen ausgesprochen chic. Nebenan ist ein Autowaschplatz mit fließendem Wasser. Es ist schon witzig, wie nahe sich in dieser Angelegenheit Afrika und Europa sind. Hingebungsvoll werden die Wagen abgespritzt und gewienert, der Innenraum wird ausgeleert und gereinigt, sogar die Räder und die Radkästen werden vom Schmutz befreit. Ich beobachte eine junge Frau, die in blütenweißer Hose gelangweilt daneben steht und dem eifrigen Tun ihres Partners zusieht – faszinierend.
Vor dem Abendessen machen wir noch einen kleinen Stadtbummel, Postkarten kaufen – gar nicht so einfach, Viele, die wir danach fragen, wissen nicht, was eine Postkarte ist – und das Postoffice suchen. Beides können wir erfolgreich abschließen.
Am Abend, als ich zu Bett gehen will, kommt dann noch eine Angestellte des Hauses und schließt die Vorhänge und drapiert das Moskitonetz rund ums Bett. Na, wenn das kein Service ist!

19.12.2009 Mbarara – Kampala – Entebbe (Bus- und Taxifahrt)
Patrick ist leicht nervös und treibt uns zur Eile an. Wir müssen mal wieder zum Busbahnhof. Da es kurz vor Weihnachten ist, wo alle Welt unterwegs nach Hause ist, befürchtet er Engpässe bei den Bussen. Wir haben in erster Linie mal wieder Angst um unsere Räder. Der Weg zum Busbahnhof ist im Gegensatz zu Kampala unproblematisch. Als wir ankommen, stürzen sich gleich mehrere „Ordner“ auf uns und wollen uns den schon bereit stehenden Bussen zuteilen. Doch Patrick zögert noch und tritt erst einmal in Verhandlungen. Erst beim Verladen der Räder verstehe ich warum. Diese Busse haben kleine Ladeluken, in die die Räder, zumal sechs an der Zahl, nicht hineinpassen. Zum Glück darf ich wieder auf das Gepäck aufpassen und überlasse ruhigen Gewissens die Beaufsichtigung des Verstauens Beates bewährtem und energischem Tun. Nachdem wir die Lenker längs gestellt haben wird mehrfach ein- und wieder ausgeladen. Dann heißt es rein in den Bus und Plätze sichern. Rasch füllt sie der Bus mit meist schon festlich gekleideten Menschen mit viel Gepäck. Doch es geht recht ruhig und geordnet zu und ganz anders als in Kampala, als wir stundenlang auf die Abfahrt warten mussten, setzt sich unser Bus rasch in Bewegung. Wie schön!
Im zweiten Teil der Fahrt nach Kampala beginnt nun auch bei mir das mentale und visuelle Abschiednehmen von Uganda, seiner schönen Landschaft, seinen vielen Hügeln und Bergen und seiner saftigen Vegetation.
In Kampala herrscht Wochenend-Feierabend-Chaos auf den Straßen. Nachdem wir unsere Räder wieder fahrbereit gemacht haben, klemme ich mich eng an Patrick und versuche nicht in Schreckstarre zu verfallen. Alle Wege und Straßen sind dicht gepackt mit Autos, Motorrädern, Radlern und Fußgängern. Eigentlich scheint ein Durchkommen nicht möglich. Doch wenn man mutig genug ist, sich in eine noch so kleine Lücke zu quetschen, lassen es die anderen Verkehrsteilnehmer geduldig zu. Unglaublich, dass es nicht alle paar Meter kracht. Also, Augen zu und durch. Die „Fahrt“ dauert weniger als einen Kilometer, trotzdem komme ich schweißgebadet am Hotel an.
Ja, und dann geht es unaufhaltsam dem Ende entgegen, hier in Form einer, wegen des hohen Verkehrsaufkommens recht langsamen Fahrt nach Entebbe, unserer letzten Station in Uganda.

20./21.12.2009 Abschied und die lange, lange Heimreise
Den Gang in den botanischen Garten verweigern wir. Angelika will mit Klaus in die Stadt um Weihnachtsgeschenke zu kaufen, Beate, Birgit und ich haben uns vorgenommen, das Geschenk für Patrick ein bisschen zu verpacken, da wir ihm nicht einfach schmucklos das Trinkgeld überreichen wollen. Patrick begleitet uns noch bis an den See, zeigt uns die Pizzeria in der wir uns zum Mittagessen wieder treffen wollen und pflegte dort seine Melancholie. Bereits gestern hat er kategorisch und durchaus wehmütig erklärt, er würde keinesfalls mit zum Flughafen kommen, da er Abschiede nicht mag.
Wir genießen die Aussicht auf den Victoriasee, die schön angelegte Parkanlage und versuchen den Zauber des Ortes nochmals in uns aufzunehmen.
Eine Gruppe Frauen lagert am Ufer, die Fische in einer großen Schüssel zum Verkauf anbieten oder für sich selbst zubereiten wollen. Es ist ein farbenprächtiges Bild, das wir gerne fotografiert hätten. Doch die Frauen lehnen energisch ab. Wenigstens die Fische, bitte ich und drückte auf den Auslöser. Da mich die Frauen sehr skeptisch, wenn nicht gar böse anschauen zeige ich ihnen das gemachte Foto. Da flüsterte mir eine der Frauen, die gerade ihr Baby stillte, zu: „Wenn du mir 1.000 Schilling gibst, kannst du mein Baby fotografieren.“ Ich lehnte ab und gehe. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das eine richtige Lösung war. Was sind schon 1.000 Schilling, gerade mal 37 Cent. Um das Geld geht es hier nicht. Aber ist das ein Weg für die Menschen dort? Ich hatte jedenfalls ein ganz unbehagliches Gefühl.
Und dann, ab in die Stadt – wir haben sie übrigens nie gefunden! Ob es daran liegt, dass wir nicht weit genug gegangen sind, oder ob es sie gar nicht gibt – ich weiß es nicht.
Auf alle Fälle merkten wir bei unserer Suche durch die Vororte, dass wir rasch einen Papierwarenladen finden müssen, sonst würde die Zeit nicht mehr reichen. Da kommt die Rettung in Gestalt von drei Boda-Bodas. In Kampala hatte ich eine Fahrt mit den berühmt berüchtigten Motorradtaxis noch strikt verweigert. Hier im verschlafenen Entebbe will ich einen Versuch wagen. Wunschgemäß setzen uns unsere Chauffeure direkt vor dem gesuchten Laden ab und wir bestellen sie gleich für den Rückweg für halb zwölf.
Tatsächlich bekommen wir das Gewünschte im Geschäft, finden auch rasch ein gemütliches Pub und bei einem Stoney basteln wir in arbeitsteiligem Verfahren unser Abschiedsgeschenk.

P ATIENT
A DVENTUROUS
T OUGH
R ESPONSIBLE
I DEALISTIC
C REATIV
K IDDING

klebten und schrieben wir teils mit Geldscheinröllchen teils mit Filzschreiber auf ein großes Plakat. Dazu darf jeder noch seinen persönlichen Dank aufschreiben.
Auf die Minute werden wir fertig und stehen auch unsere Boda-Bodas vor dem Lokal, sodass wir pünktlich an der Pizzeria ankommen.
Die Pizzen sind riesig, sowohl groß als auch gut. Patrick bekommt sein Abschiedsgeschenk und dann trotten wir in Gluthitze heim, alle ein bisschen bedröppelt angesichts des bevorstehenden Abschieds. Eine letzte Umarmung und los geht’s auf die kurze Fahrt zum Flughafen.
Beim Check-in herrschte reges Chaos. Die Computer sind ausgefallen und so werden die Bordingkarten mühsam mit der Hand geschrieben und dann auch noch ohne Sitzplatzzuweisung. Einen Platz bekommen sie beim Boarding, heißt es. Doch auch das ist erst nach mehreren Anläufen möglich. Als ich in der Maschine bin, sitzt natürlich schon jemand auf dem Platz und zwar mit einer gedruckten Boardingkarte. Die Stewardess, an die ich mich Hilfe suchend wende, weiß auch keinen Rat. Sie läuft mehrmals in der Maschine auf und ab, berät sich mit ihren Kolleginnen und meint dann schließlich: „Suchen sie sich einen Platz. Sie können jeden freien Platz nehmen.“ Ich bin so perplex, dass ich gar nicht auf die Idee komme, der Dame klar zu machen, dass es doch wohl ihre Aufgabe ist, einen Platz für mich zu suchen. So zockele ich los und nach einigem Suchen finde ich auch noch einen freien Platz. Na, wegen der zwei Stunden bis Addis Abeba will ich keinen Stress machen.
Der Flug verläuft ruhig, doch, aus den drei Stunden wurden dann sieben plus eine weitere Stunde im Flugzeug bis wir endlich rauskommen. Wir trinken ein Bier, trinken Kaffee. Die erwartete Startzeit bleibt bei 02:30 Uhr stehen. Gegen Mitternacht essen wir dann noch eine herrlich heiße Minestrone, die die Lebensgeister zumindest vorübergehend wieder weckt. Irgendwie haben wir dann die Zeit herum gebracht, und nach der x-ten Runde um die Läden und Lokale, in denen wir längst schon alles gesehen haben, beginnt die erneute, sehr langwierige Sicherheitskontrolle vor dem Boarding.
Dabei hatten wir noch Riesenglück, was wir allerdings erst in Deutschland erfuhren. Dort war nämlich der Winter eingebrochen, mit dem alljährlichen Chaos auf Straßen, Flug- und Bahnhöfen. Es hätte leicht passieren können, dass unsere Maschine überhaupt nicht kommt, da Frankfurt zwischenzeitlich gesperrt wurde.
Statt Ankunft um 5.15 Uhr landen wir um 9.30 Uhr in Frankfurt. Dann klappt fast alles ganz gut. Ich finde sofort die Gepäckaufbewahrung, wo ich mein Rad loswerde. Der nächste Zug, mit dem wir hätten fahren wollen, ist verkürzt worden und fährt nur ab Frankfurt Hauptbahnhof. Also noch einmal anderthalb Stunden warten. Eine Reservierung ist nicht möglich, so schwant uns Übles, zumal Beate noch ihr Rad dabei hat. Mit Hauruck stürmen wir den Zug, freuen uns, dass soviel Platz ist und ich merke gerade noch rechtzeitig, dass wir in der 1. Klasse gelandet sind. So packen wir unsere Siebensachen nochmals und ziehen in ein richtiges Abteil um. Auch da finden wir zwei zusammenhängende Sitzplätze, sind äußerst zufrieden und sehen der dreieinhalbstündigen Fahrt gelassen entgegen. Ich vertiefe mich in mein Buch. Alles ist in „deutscher Hand“.
Aber nur bis kurz nach Ingolstadt. Hier hält der Zug an. „Personenschaden auf der Strecke. Der Zug hält auf unbestimmte Zeit“, verkündet der Lautsprecher. Ja toll, das haben wir gerade noch gebraucht. Unruhe breitet sich im Zug aus. Viele sind schon seit dem Morgen unterwegs, haben bereits Anschlussflüge verpasst, andere müssen zum Flughafen. Dann fährt der Zug wieder, aber nur bis Rohrbach – wo zum Himmel ist denn das? Wieder heißt es, auf unbestimmte Zeit keine Weiterfahrt. Die ersten Reisenden ordern ein Taxi. Das Bistro, das bereits geschlossen hatte, öffnet wieder und die Reisenden versorgen sich mit Getränken und Speisen. Auch ich gönnte mir eine Currywurst. Kaum habe ich sie bekommen, kommt die nächste Durchsage: „Der Zug muss geräumt werden. Vor dem Bahnhof steht Schienenersatzverkehr bereit.“ Das bedeutet, die Wurst in Windeseile hineinstopfen, Gepäck schnappen und hinaus. Ein freundlicher Herr der sich unterwegs zu uns gesetzt hatte, bietet sich an mit dem Gepäck zu helfen. Ich bin sehr dankbar dafür, denn Beate ist ja immer noch mit ihrem Radkarton belastet und ihre Taschen müssen auch geschleppt werden, von meinem unhandlichen Sack einmal ganz abgesehen.
Man stelle sich vor, ein voll besetzter ICE dessen Reisende mächtig Gepäck für den Weihnachtsurlaub dabei haben, sollen nun auf ein paar Busse verteilt werden. Vorübergehend wird es wieder einmal chaotisch. Irgendwie schaffen wir es, einen Bus zu besteigen, der uns dann nach Pfaffenhofen bringt. Dort steigen wir in den Regionalzug, der als echter Milchkannenexpress an allen Stationen hält.
Langsam geht das mit dem Regionalzug, doch irgendwann kommen uns die Stationsnamen bekannt vor und ein bisschen später sind wir endlich in München. Da ist es dann schon 19.00 Uhr. 29 Stunden hat die Heimreise gedauert.

Marianne