Reisebericht zur Ägypten / Sudan Erkundungstour im Januar 2013

Freunde der Einsamkeit und Schönheit der Sahara kommen bei dieser Reise genauso auf ihre Kosten, wie Liebhaber des langsamen Reisens und des sich Auseinandersetzen mit den Elementen, wie z.B. dem Flusslauf des Nil oder der Kraft des Windes, die uns für einige Tage im Segel einer Feluke den Nil aufwärts segeln ließ und die andererseits die anschließende Radreise durch die Wüste ganz gut unterstützt hat.

So war die Reise in den Sudan eine wunderbare Aneinanderreihung schöner Ereignisse und kleiner Abenteuer. Die ersten Tage an Bord der Feluke waren ganz im Sinne eines entschleunigten Reisens zu sehen, bei dem es dennoch ständig Neues zu entdecken gab. Die jeden interessierenden Fragen nach Privatsphäre für die Nacht, nach dem Stellplatz für die Fahrräder, nach einer Waschmöglichkeit und der Toilette waren schnell geklärt: es gab keine. Weder noch. So eine Feluke ist ein ganz eng abgestecktes Biotop und die nötige Kompromissbereitschaft und Toleranz war bei allen Beteiligten offenbar von Anfang an da. Die dreiköpfige Mannschaft trug sicherlich mit ihrer Ruhe und Souveränität dazu bei.
Auf der gepolsterten Universalfläche von etwa 5 mal 4 Metern, die von einem niedrigen Sonnenschutz überspannt war, wurde gesessen, gelegen, geschlafen, gegessen, geredet, gemalt, gelesen, geschaut und geträumt. Wer die Sonne genießen wollte, setzte sich für einige Zeit aufs Vorschiff oder stellte sich achtern neben den Steuermann, der das Boot ständig auf Kurs halten musste. Gesegelt wurde meist bis in die Nacht hinein.

An beiden Ufern zog eine mal karge und trockene Wüstenlandschaft, meist jedoch ein grünes Band von dichter Vegetation, Palmen, Bananen, Zuckerrohr, seltener auch schmalen Weideflächen, vorbei. Zeit, sich mit der schlichten dörflichen Architektur, mit Minaretten und Moscheen oder mit den einfach ausgestatteten Fischern auf ihren kleinen Kähnen im Skizzenbuch oder auf dem Aquarellblock zu beschäftigen.
Und es war immer wieder ein klasse Anblick, die Räder außenbords in der bescheidenen Takelage des Segelbootes hängen zu sehen.

Von Revolution und Krisenstimmung  war in Oberägypten nichts zu spüren, von touristischer Hochsaison aber auch nicht. Die Zahl der ebenfalls nilaufwärts segelnden Feluken blieb einstellig. Gelegentlich zog ein größeres Kreuzfahrtschiff vorbei, doch insgesamt war es auf dem Fluss sehr ruhig. Wenn auf der in Hörweite parallel zum Fluss verlaufenden Schnellstraße einmal der Verkehr abgeebbt war, ergaben sich abends wie morgens wunderbare Stimmungen.  Es war herrlich, die Sonne als einen tiefroten Ball über dem Palmengürtel am Ufer des Nil aufgehen zu sehen, während sich in der Morgenkühle dünner Nebel über der Wasseroberfläche ausbreitete.

Ein wahrer Kontrast dagegen die Schiffspassage mit der Fähre ‚Sinai‘ über den Nasser-Stausee in Richtung Sudan. Afrikanische Lebenswärme auf ebenfalls sehr engem Raum und Undurchschaubarkeit der Verhältnisse, zu deren Aufhellung und Ordnung unser Tourenleiter Jens oft mit ganzem Einsatz beigetragen hat.
Sich um Tickets, Pässe, Aus- und Einreisezettel zu kümmern wäre ohne ihn wohl recht chaotisch verlaufen oder hätte gar nicht funktioniert. An administrativen Dingen ist während dieser Reise kein Mangel, seien es die Formalitäten, ohne die man gar nicht erst wieder von der Fähre herunter und also in den Sudan hinein kommt, oder sei es die obligatorische Registrierung bei den sudanesischen Behörden, die innerhalb von 72 Stunden erledigt werden muss und ohne die man später nicht wieder unbehelligt aus dem Land heraus kommt.

Nach der Schiffspassage wechselten wir die Perspektive, jetzt fuhren wir nicht mehr auf sondern abseits des Nil, bekamen den Fluss selbst aber kaum noch direkt, meist nur durch den schmalen Streifen der Ufervegetation zu Gesicht. Sonst nur noch Wüste.
Mit den Fahrrädern ist das kein Problem, denn die Straße ab Wadi Halfa in Richtung Süden ist erst vor kurzer Zeit asphaltiert worden und stellt technisch gar keine Schwierigkeit dar. Die Landschaft ist anfangs zwar nicht immer eben, die Straße verläuft nicht geradlinig, so dass es auch keinesfalls monoton wird. Morgens kühl mit Temperaturen irgendwo zwischen 12 und 15 Grad, später in der Sonne heiß, aber erträglich. Die Luft selbst wurde in den ersten Tagen nicht wärmer als 22 bis 23 Grad. Das war ein ganz angenehmes Klima, auch wenn es sehr trocken und der Flüssigkeitsverlust also nicht zu unterschätzen war. Ein Grund, weswegen Jens immer darauf achtete, dass jeder genügend Wasser am Rad mit sich führte. Nachschub gab es aus öffentlich zugänglichen Tonkrügen, die man an den wenigen Versorgungsstationen oder Truck Stopps entlang der Straße findet. Durch einen Keramikfilter handgepumpt gab es damit keine gesundheitlichen Probleme. Von Pannen und ungeplanten längeren
Stopps in der Wüste blieben wir glücklicherweise verschont.

Nachts wurde es mit 8 bis 9 Grad richtig kalt und am dritten Morgen in der Wüste sank das Thermometer kurz vor Sonnenaufgang auf gerade einmal 4,5 Grad. Da beeilt man sich schon mal beim Gang aufs Klo hinter die nächste Sandwehe.

Für die Nächte in der Wüste hatten wir eigene Zelte dabei. Rechtzeitig vor Sonnenuntergang musste also Abend für Abend ein geeigneter Platz abseits der Straße gefunden werden. Im hügeligen Norden konnten wir uns noch in den Windschatten einer Felswand oder in ein seitliches Tal drücken, später in der schier endlosen Ebene war es dann eher ein Termitenhaufen oder eine Ansammlung dürrer Büsche, in deren unmittelbarer Nähe wir unser Lager aufschlugen.
Morgens war Jens meist der Erste am Benzinkocher. Das typische Geräusch der Benzinpumpe ließ einen nach der Nacht endgültig wach werden und vorsichtig aus dem Zelt in die Morgenkühle hinaus lugen. Vor dem Frühstück schon mal einen Tee oder Kaffee?

Sobald die Sonne über den Horizont kam ging die Dämmerung auch schnell in gleißendes Tageslicht über und dann wurde es auch relativ schnell warm. Schutz vor der Sonne gibt es entlang der gesamten Strecke eigentlich nicht, selten bietet eine Akazie einige Meter abseits der Straße etwas Schatten. Sonst findet man lediglich an den Versorgungspunkten halb-offene, manchmal mit geflochtenen Palmblättern und Stroh, manchmal mit Wellblech überdachte einfache Bauten aus Lehmziegeln.

Kleine Anpassungen der ursprünglichen Reiseplanung ergaben sich nach rund zwei Wochen, als klar wurde, dass mit den bisherigen Etappenlängen von 80 bis 100 km am Tag die Ankunft in Khartum stressig werden würde. In Dongola, etwa 500 km nördlich von Khartum und die einzige Stadt in der Region, blieb dann Zeit für einen Ruhetag und für das Organisieren eines Weitertransports mit Kleinbus. Der Bus half uns am folgenden Tag, nicht ohne längere Zwangspause wegen eines Bremsenschadens, etwa zwei Radetappen abkürzen. Damit blieb dann genügend Reserve, um nach Khartum zu kommen und dort auch noch Zeit für die hektische Stadt zu haben. Unsere Zelte schlugen wir dort im Garten der Internationalen Jugendherberge auf. Wer will schon freiwillig, nach beinahe drei Wochen unter freiem Himmel, in einem stickigen Zimmer übernachten?

Die Tagestemperatur an den letzten Tagen kletterte am Nachmittag nun munter bis über 40 Grad im Schatten und jeder merkte die Anstrengung nach einem Tag auf dem Rad unterschiedlich stark. Das Ankommen war deshalb ein schönes Gefühl und auch, die Zeit dafür zu haben, in Ruhe ‚anzukommen‘.

Wie bei anderen von Jens geleiteten Reisen galt auch hier das Angebot für eine Einführung ins Reiseaquarellieren bzw. das Verfeinern der eigenen Mal- und Zeichentechnik, das gerne angenommen wurde. Wann kann man dem Künstler schon über die Schulter schauen? Immer wieder interessierten sich Einheimische dafür, was denn die weißen Besucher da aufs Papier brachten, wenn wir uns irgendwo an einem Versorgungspunkt in den Schatten setzten, Tee bestellten und eben die Zeit zum Skizzieren nutzen. Da wurde der ‚Workshop‘ manchmal kurzerhand ausgedehnt, was den Leuten unheimlich viel Spaß machte.
Überhaupt waren wir überall willkommen und wurden sehr freundlich begrüßt. Dass weiße Touristen im Sudan rar sind, kann man sich denken, häufig genug aber sind sie hinter getönten Scheiben in modernen Geländewagen unterwegs und kommen kaum mit den Menschen in Kontakt. Da waren wir schon eine gewisse Attraktion, die gelegentlich auch unverblümt mit dem Handy fotografiert wurde.
Aber das beruht ja dann meist auf Gegenseitigkeit…

Christian Drews, Berlin