Äthiopien 2009 Radeln wo der Pfeffer wächst

Oktober 2009

Noch vor Anbruch der Morgendämmerung weckten mich die über Megaphone verstärkten monotonen Gesänge aus der nahen orthodoxen Kirche. Das Zentrum der in einen Talkessel eingebetteten äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba liegt unsichtbar im Morgendunst. Frische Hochgebirgskühle weht in mein Zimmer herein, als ich um halb sieben vor die Türschwelle trete, um die afrikanische Sonne hinter den Bergen aufsteigen zu sehen. Die Luft ist vom würzigen Rauch der Kochfeuer aus Eukalyptusholz durchsetzt. Seit über einem Monat bin ich im Hochland Abessiniens.

Als ich vor nunmehr über zwei Jahren auf meiner Weltreise per Fahrrad auf dem Weg nach Kenia hier ankam, registrierte ich dies nicht mehr, denn während der monatelangen Reise von Europa hatte ich mich längst an die erbärmlichen Lebensumstände außerhalb der westlichen Welt gewöhnt.

Damals lernte ich deutsche Entwicklungshelfer kennen, die mich auch jetzt in der äthiopischen Hauptstadt in ihrem Gästehaus beherbergten.

Durch den Kontakt zu den Deutschen wurde ich auch dieses Mal herumgereicht, ging zu Festen im Goethe Institut und durfte am Empfang des deutschen Botschafters zum Tag der deutschen Einheit teilnehmen. Auch der äthiopische Marathonläufer Haile Gebre Selassie, der zwei Wochen zuvor den Berlin Marathon souverän gewonnen hatte, war anwesend.

Nach ein paar Tagen empfing ich am Flughafen eine fünfköpfige deutsche Fahrradreisegruppe, die ich in Begleitung des jungen Afrikaners Abita für drei Wochen durch den Süden Äthiopiens führen wollte. Die Reiseteilnehmer waren sehr unterschiedlich. Anja, eine junge Ärztin Mitte zwanzig, Rosemarie, eine sportliche Mountainbikerin aus Wiesbaden, Natalie, eine Afrika erfahrene Süddeutsche und Elisabeth, eine pensionierte Lehrerin, die sich noch mit 69 Jahren auf dieses Abenteuer einließ. Der einzige männliche Teilnehmer, Bernd, hielt sich durch Sport fit, um seiner einseitigen Lähmung zu trotzen. Schon zum zweiten Mal nahm er an dieser von der Zeitschrift GEO SAISON ausgezeichneten Fahrradreise durch das grüne Hochland Äthiopiens teil.

Auf unseren Tagesetappen von 50 – 80 Kilometern bereisten wir abgelegene Orte, die nur über Pisten erreichbar waren. Wenn der Schlamm die Räder blockierte, hielten wir kurzer Hand einen LKW an, der uns zum nächsten Ort mitnahm, wo wir in einfachsten Unterkünften unterkamen und uns oft selbst auf den Märkten mit Gemüse und Obst versorgten. Wir besuchten Krankenhäuser und Schulen und ließen uns von europäischen Entwicklungshelfern vor Ort über ihre Arbeit in Äthiopien berichten.

Wenn wir an den Rundhütten der Bauern entlang der Pisten vorbei kamen, liefen uns Kinder scharenweise johlend hinterher. Die Erwachsenen wunderten sich, dass Weiße, die hier Faranji gerufen wurden, per Fahrrad zu ihnen kamen. Wie in der ganzen Welt fand die sportliche Leistung, sich aus eigener Kraft fortzubewegen, Achtung und Anerkennung, was oft durch Daumenhochhalten oder Applaus seitens der Äthiopier ausgedrückt wurde.

So war es den Reiseteilnehmern möglich, in diesem ostafrikanischen Land quasi hinter die Kulissen zu sehen und einen Einblick in den äthiopischen Alltag zu bekommen. Hinter stachligen Kakteenhecken flatterten sattgrüne Bananenblätter zwischen den Rundhütten. Die Wege waren gesäumt von Papayabäumen und Pfefferstäuchern.

Gern gab ich meine Erfahrungen im Anlegen eines illustrierten Reisetagebuchs an die Teilnehmer weiter. Mit einfachen Texten und Zeichnungen konnten so die Eindrücke der Reise festgehalten und intensiv verarbeitet werden. Nach drei Wochen verabschiedete ich mich von den deutschen Radreisenden, um vor Ort aus meinen Skizzen charakteristische Reiseaquarelle dieses exotischen Landes entstehen zu lassen. Ein Höhepunkt meines Aufenthalts war sicher die Eröffnung meiner Ausstellung von Reiseaquarellen, die während meiner zweijährigen Weltumrundung entstanden waren.

Der Morgendunst hat sich aufgelöst und ein silbernes Meer von Wellblechdächern schimmert im Tal unter mir im gleißenden Licht. Die Sonne hier in Äquatornähe steigt rasch empor und brennt bald hochsommerlich warm an diesem Oktobertag. Der trübe, nasskalte Herbst in Europa ist noch unvorstellbar weit weg für mich.

www.jenshuebner.de