Reisetagebuch Äthiopien – Unterwegs am Horn von Afrika

Jens Hübner
Ein visuelles Reisetagebuch aus Äthiopien

Zum nunmehr fünften Mal leite ich für den Berliner Reiseveranstalter AFRIKA ERLEBEN eine Fahrradreise durch das äthiopische Hochland. Statt dem Abhaken touristischer Highlights und dem Vorbeirauschen Afrikas am Busfenster erleben die Reisenden eine phantastischen Landschaft direkt vom Fahrradsattel aus. Nicht sportliche Höchstleistungen stehen im Vordergrund der dreiwöchigen Rundtour, sondern die unmittelbare Begegnung mit den Menschen auf gleicher Augenhöhe. Dieses nachhaltige Reisekonzept zeichnete GEO SAISON mit der „Goldenen Palme“ aus.

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Den acht Reiseteilnehmern biete ich an, Ihre Eindrücke unter Anleitung in Skizzen und Aquarellen umzusetzen, um die Landschaft, die Menschen und ihre Kultur noch authentischer und intensiver zu erleben.
Neben den kleinformatigen Skizzenheften der Hahnemühle nutze ich diesmal auch ein 19 x 20 cm großes spiralgebundenes Carnet Aquarelle Skizzenbuch als visuelles Reisetagebuch, in dem ich meine persönlichen Erlebnisse in Skizzen, Aquarellen und Collagen umsetze und das ich hier in Auszügen präsentiere.
Viel Freude beim Betrachten und jede Menge Anregungen für die nächste eigene Reise wünscht Jens Hübner. Addis Abeba, im November 2012


22. Oktober 2012, Montag / Addis Abeba / km 0 / HM 2314

In Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens und bedeutendsten Metropole am Horn von Afrika, erleben wir die Kontraste des Schwarzen Kontinents sehr augenscheinlich: Wellblechverschläge, Bettler und permanente Provisorien auf der einen Seite – aber auch faszinierende afrikanische Architektur, die sich harmonisch in die exotische Pflanzenwelt einfügt, auf der anderen.

straßenpriester24. Oktober 2012, Mittwoch / zwischen Debre Zeit und Mojo / km 47 / HM 1700

Von Addis Abeba quälen sich schwarzrußende Sattelschlepper über den heißen Asphalt der Hauptverbindungstraße zu den Hochseehäfen Dschibutis am Golf von Aden. Nach Verlassen der Metropole satteln wir die Räder. Ein Priester steht im Abgasqualm und segnet neben den schwerbeladenen Trucks auch uns für die Tour durch Äthiopien.

affen25. Oktober 2012, Donnerstag / Sodere am Awashfluss / km 65 / HM 1747

An der östlichen Abbruchkante des Rift Valleys sprudeln heiße Quellen aus dem Erdinneren und beheizen den Swimmingpool unserer Unterkunft. Als morgens die Sonne zwischen den exotischen Bäumen aufgeht, klauen uns freche Affen die letzten deutschen Kekse durch eine ungesicherte Balkontür, um sie anschließend genüsslich auf den Schirmakazien aufzufuttern.

berglandschaft26. Oktober 2012, Freitag / zwischen Sodere und Asella / km 137 / HM 2435

Bald atmen wir die glasklare Luft des abessinischen Hochlands. Die Ockertöne der Ebene weichen dem satten Grün der Tefffelder und der Eukalyptusbäume. Die offene Gebirgslandschaft ist mit Tukuls, den typisch schwarzafrikanischen Rundhütten, durchsetzt und lässt uns kilometerweit in die Täler blicken.

oromo-region27.Oktober 2012, Sonnabend / Pass bei Bekoji / Kilometer 203 / Höhe 3012

Stolz reiten verschleierte Männer und Frauen an uns vorüber, als wir am höchsten Punkt der Reise die Fahrräder ins Gras legen und verschnaufen. Ihre bunten Satteldecken sind mit dem Zeichen der Volksgruppe der Oromo, einem Löwen, bestickt. Schildraben hüpfen auf den angespitzten Zaunpfählen, die die Gehöfte gegen Hyänen schützen.

dodola28. Oktober 2012, Sonntag / Dodola / km 255 / HM 2373

Trotz Trockenzeit setzt in der kleinen Gebirgsstadt Dodola Regen ein und lässt die Pisten matschig werden. Beim dreitägigen Ausritt in die nur zu Fuß oder per Pferd zugänglichen Bergregionen scheint jedoch wieder die Sonne und die Reiseteilnehmer reiten durch Wälder und über Wiesen, die sie bisher nur aus computeranimierten Fantasy Movies kennen.

markttag29. Oktober 2012, Montag / Dodola / km 255 / HM 2373

Jeden Montag ist in der kleinen Stadt am Fuße der Bale Mountains Markttag. Junge Bauernmädchen schleppen Maisstroh und Heu auf die dicht bevölkerte Freifläche, Esel buckeln Brennholzbündel und Männer mit biblischen Gesichtszügen treiben Viehherden ins Tal. Einachsige Kutschen werden von klapprigen Pferden gezogen. Ich fühle mich in das europäische Mittelalter versetzt.

wondo genet1. November 2012, Donnerstag / Wondo Genet / km 352 / HM 1820

Unter uralten Bäumen mit weit ausladenden Ästen lassen wir die Fahrräder für einen Tag stehen. Auf dem gepflegten Rasen tollen junge Meerkatzen herum und schlagen Purzelbäume. Zum Sonnenuntergang finden sich im Geäst der violett blühenden Jacarandabäume Schwarz-weiße Colobusaffen und exotische Nashornvögel ein.

weg nach awasa3. November 2012, Sonnabend / Weg nach Awassa / km 367 / HM 1757

Aus den Bergen kommend sind wir mit Rückenwind in den Ostafrikanischen Grabenbruch gerollt. Tropische Vegetation säumt den Straßenrand. Junge Kaffeesträucher werden überragt von Mangobäumen und Jukkapalmen. Tropfenförmige Papaya hängen an schlanken Stämmen, Hecken aus Kanderlaberkakteen und lanzenartige Agavenblätter halten das Vieh von den Getreidefeldern fern.

Awassa4. November 2012, Sonntag / Awassa / km 389 / HM 1714

Die Seenkette im Ostafrikanischen Grabenbruch ist ein Vogelparadies. In den Kronen der Straßenbäume Awassas nisten riesige Marabustörche, über dem Wasser verharren flatternd Eisvögel wie Hubschrauber, bevor sie sich auf ihrer Beute ins Wasser stürzen. Nilgänse und Kormorane sonnen sich auf umgestürzten Baumstämmen und Blaustirnblatthühnchen rennen über die Seerosenblätter zwischen dem Papyrusschilf.

Vögel in Awassa4. November 2012, Sonntag / Awassa / km 389 / HM 1714

Täglich beobachten wir Greifvögel auf unserer Tour durch Schwarzafrika. Geier weiden verendete Tiere im Straßengraben aus, Milane lauern schon morgens neben den Holzverschlägen der Kleinstädte, in denen das Schlachtvieh hängt. Seeadler jagen urplötzlich wie Düsenjets über die Stände der Fischmärkte und schnappen blitzschnell nach Futter.

Ziway5. November 2012, Montag / Straße nach Ziway / km 493 / HM 1657

Morgens, wenn die Abbruchkanten des Grabenbruchs als blaues Farbband am Horizont aus dem Dunst auftaucht, winken wir den Pferdefuhrwerken zu, die zum nächsten Markt unterwegs sind. Schirmakazien säumen das Teerband, das die ockerfarbene, staubige Ebene durchschneidet.

7. November 2012, Mittwoch / Bui / km 620 / HM 1945

Auf all meinen Reisen halte ich nach originellen Fundstücken Ausschau, die assoziativ Stimmung und Atmosphäre wiedergeben. Papierschnipsel, Zigarettenbanderolen, aber auch Pflanzenteile und Insekten als Zeichen der Zeit und der bereisten Regionen sammele ich, um sie später zu Collagen zusammenzustellen.

rundtour äthiopien9. November 2012, Freitag / Addis Abeba / km 670 / HM 2489

Nach drei Wochen im Fahrradsattel schießt sich der Kreis unserer Rundtour in Addis Abeba. Ich danke den acht Teilnehmern der Reise Gisbert, Astrid, Reiner, Dieter, Kerstin, Stefan, Tobias und Daniel, die durch ihre gute Vorbereitung, Kameradschaft und das Einlassen auf das Fremde und oft auch nicht Verständliche entscheidend zum Erfolg der Tour beigetragen haben.